Mittwoch, 14. April 2004

Briefe eines Mörders: Seit 19 Jahren wartet eine Malerin auf Günter Lorenz

  • Gutachterstreit: Freigänge – oder Haftentlassung

Der „Fall Günter Lorenz“: Mit 18 tötete er seinen Cousin, eine Schulkollegin und deren Mutter. Nun soll der Dreifachmörder aus der Haft entlassen werden. Und längst schon wartet auf ihn eine Frau. „Günter“, erklärt sie im NEWS-Interview, „ist mein Lebensinhalt …“

Als ich meine Tat begangen habe“, sagt Günter Lorenz, „war ich 18 – und ein völlig anderer Mensch. Damals ist mein Gehirn krank gewesen. Aber nun bin ich seit mehr als zwei Jahrzehnten in Haft. Und gesund. Deshalb will ich frei sein. Und endlich ein normales Leben beginnen …“

Wie gefährlich ist er? Doch die Beurteilung darüber, ob der mittlerweile 39-Jährige tatsächlich dazu imstande sein kann, ein „normales Leben“ zu führen, scheint schwierig. Weil davor eine äußerst wichtige Frage geklärt werden muss: nämlich ob Lorenz noch „gefährlich“ ist – und er möglicherweise abermals zu einem bestialischen Verbrechen fähig wäre.

Wie im Februar 1983, als der Vorzugsschüler aus Wien – aus Lust am Töten – einen brutalen Dreifachmord beging, zuerst seinen Cousin und danach eine Schulfreundin und deren Mutter erschoss.

Das Urteil: 20 Jahre Haft. Bei seinem Prozess 1984 wurde Günter Lorenz zu 20 Jahren Haft und der anschließenden Verwahrung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher auf unbestimmte Zeit verurteilt. Was bedeutet: Nach Verbüßung der Strafe haben in jährlichen Abständen Psychiater über eine etwaige Entlassung zu entscheiden.

Aber genau bezüglich dieses Punktes herrscht unter den Experten Uneinigkeit. Heinz Pfolz etwa, der Lorenz auch schon unmittelbar nach seiner Wahnsinnstat untersucht und bei ihm eine „schwere und tief gehende Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert hatte, ist nun der Ansicht, dass diese „Disharmonien“ längst beseitigt wären. Weswegen der „Patient“ nicht mehr weiter hinter Gittern bleiben sollte.

Endgültig in Freiheit – so analysiert wiederum Sigrun Rossmanith – dürfe Lorenz nicht gleich kommen. Bei „Kurzausflügen“ aus der Haft müsse vorerst geprüft werden, wie sich der Dreifachmörder „draußen“ verhalte. Fest steht: Nicht das Gericht, sondern der Leiter der Sonderhaftanstalt Mittersteig, wo Lorenz bereits seit Jahren untergebracht ist, hätte diese Maßnahme zu bewilligen.

Nicht durchschaubar? Die Genehmigung wird von diesem jedoch verweigert. Weil der Gefängnischef den Noch-Häftling für nicht durchschaubar – und damit für möglicherweise gefährlich – hält. „Trotzdem“, so Gunther Gahleitner, Günter Lorenz’ Anwalt, „gehe ich davon aus, dass mein Klient bereits in nächster Zukunft in Freiheit kommen wird.“

Für die „Zeit danach“ ist ohnehin längst vorgesorgt: Der Advokat selbst will „diesem Menschen, der einmal etwas Schreckliches getan hat, jetzt aber eine Chance verdient“ eine fixe Anstellung als Bürokraft in seiner Kanzlei geben. Und außerdem gibt es ja auch noch diese Dame aus Deutschland, Marion Morgenstern, die Lorenz nach seiner Enthaftung eine Wohnung zur Verfügung stellen, ihm Kleidung kaufen und für ihn einen Job in ihrer Heimat suchen will. „Weil es“, wie die 63-Jährige beteuert, „meine Lebensaufgabe ist, Günter zu helfen …“

Beziehung hinter Gittern. Und nun sitzt sie da, in einem Lehnstuhl in ihrem kleinen Häuschen bei Hannover, und kramt in dieser Kiste mit den Hunderten Briefen, die Lorenz ihr in den vergangenen 19 Jahren geschrieben hat. „Und beim Durchsehen“, sinniert Marion Morgenstern, „wird mir wieder so richtig bewusst, wie groß die Hochs und Tiefs waren, die wir gemeinsam durchgestanden haben.“

Seit 1985, als die Frau noch in Frankreich lebte, dort als Malerin werkte „und ich quasi zufällig in einem deutschen Magazin eine Reportage über Günter und seine Morde las. Aber neben diesem Artikel waren auch diese Bilder von ihm: Ich sah sein trauriges Gesicht, die Angst in seinen Augen. Und ich wusste: Ich muss diesem jungen Menschen, der völlig allein und hilflos ist, helfen. Also schickte ich ihm ein paar Zeilen ins Gefängnis – er solle sich nicht unterkriegen und von den Psychiatern krank therapieren lassen …“

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PLUS: Drei Morde ohne Motiv

14.4.2004 16:04