Sonntag, 18. April 2004

Spaniens Rückzug aus Irak: Schiitenführer al Sadr will Angriffe auf Soldaten stoppen!

  • Prodi begrüßt spanischen Truppenabzug
  • Bush bedauert Rückzug Spaniens

Nach der Ankündigung Spaniens, seine Truppen aus dem Irak abzuziehen, hat der radikale Schiitenführer Muktada al Sadr seine Gefolgsleute aufgefordert, ihre Angriffe auf spanische Soldaten einzustellen. "Die anderen Staaten sind aufgerufen, dem Beispiel Spaniens zu folgen", sagte ein Vertrauter Sadrs. Trotz des angekündigten Truppenrückzugs hält Spanien zunächst am planmäßigen Austausch von Soldaten des Kontingents fest. Noch am Montag sollten 190 Mann in den Irak fliegen, die dieselbe Anzahl Kameraden dort ablösen sollen.

Außenminister Miguel Moratinos sagte in einem Interview, Spanien werde seine internationalen Verpflichtungen gegenüber dem Irak erfüllen und im Kampf gegen den Terrorismus standhaft bleiben. Unterdessen forderte der radikale irakische Schiiten-Führer Muktada al Sadr seine Gefolgsleute auf, ihre Angriffe auf spanische Soldaten einzustellen.

Er erwarte wegen des Truppenabzugs keine langfristige Beeinträchtigung der Beziehungen zu den USA, sagte Moratinos der Tageszeitung "El Pais" und verwies auf die Zusagen bei der jüngsten Geberkonferenz für den Irak, die Madrid einhalten werde. Auch anderweitig werde Spanien den dortigen Wiederaufbau unterstützen. In einem Interview mit dem Sender "Cadena Ser" erklärte er, der Rückzugsplan sei bereits vor Wochen ausgearbeitet worden und werde nun umgesetzt.

"Truppen in der kürzest möglichen Zeit nach Hause holen"
Der neue Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero hatte den Rückzug nur wenige Stunden nach der Vereidigung seines sozialistischen Kabinetts am Sonntag eingeleitet. Er wies Verteidigungsminister Jose Bono an, "das Notwendige zu tun, um die im Irak stationierten spanischen Truppen in der kürzest möglichen Zeit nach Hause zu holen". Zapatero begründete den Abzug damit, dass seine Bedingung für einen Verbleib - ein UNO-Mandat für die Besetzung des Irak - allen Anzeichen nach nicht erfüllt werde. Spanien hat derzeit 1.300 Soldaten im Irak stationiert. Elf spanische Soldaten kamen seit August ums Leben. Minister Bono werde in Kürze weitere Einzelheiten zum Abzug bekannt geben, erklärte Zapatero.

USA nicht überrascht
Wenig überrascht reagierte die US-Regierung auf den angekündigten Abzug. Schon im Wahlkampf Mitte März sei diese Absicht Zapateros bekannt gewesen, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses, Ken Lisaius. Moratinos sagte, er habe Stunden vor der offiziellen Ankündigung mit US-Außenminister Colin Powell telefoniert. Dieser habe sich enttäuscht gezeigt, aber Verständnis für die politische Entscheidung geäußert. Moratinos fliegt am Dienstag zu einem Treffen mit Powell nach Washington.

Polen will nicht mehr Soldaten schicken
Die deutsche Regierung wertet den angekündigten Rückzug der spanischen Soldaten nicht als "Einknicken" der neuen Madrider Regierung vor dem Terror. Der Abzug sei lange angekündigt gewesen, hieß es in Berlin. Der polnische Außenamtssprecher Jaroslaw Drozd sprach von einer "neuen Herausforderung". Seine Regierung plane jedoch keine Aufstockung ihres Truppenkontingents. Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski sagte, möglicherweise müsse die Division umorganisiert werden.

Australien befürchtet Eskalation der Lage
Der australische Ministerpräsident John Howard befürchtet hingegen eine Eskalation der Lage nach dem Abzug der spanischen Soldaten. Nicht der Friedensprozess, sondern der Aufstand werde gestärkt, sagte Howard dem australischen Radiosender ABC. Ähnlich äußerte sich der Kommandant der US-Bodentruppen im Irak, General Ricardo Sanchez: Der Abzug sende dem irakischen Volk und einigen der Aufständischen das Signal, dass die internationale Gemeinschaft ihre Aufgabe nicht engagiert erfüllen werde.

Al Sadr will Angriffe auf spanische Soldaten stoppen
Der radikale schiitische Geistliche Muktada al Sadr rief seine Anhänger unterdessen auf, keine spanischen Soldaten mehr anzugreifen. "Die anderen Staaten, die Soldaten im Rahmen der Koalition in den Irak geschickt haben, sind aufgerufen, dem Beispiel Spaniens zu folgen und ihre Truppen abzuziehen, um das Leben ihrer Soldaten zu schützen", sagte ein Vertrauter Sadrs.

Bush bedauert Rückzug Spaniens
US-Präsident George W. Bush hat den Rückzug Spaniens aus dem Irak bedauert. Das sagte Bush dem neuen spanischen Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero am Montag in einem Telefongespräch, wie das Weiße Haus in Washington mitteilte. Zapatero hatte am Vorabend angekündigt, die mehr als 1.300 spanischen Soldaten aus dem Irak abzuziehen, da eine UNO-Resolution, die den Forderungen seiner Regierung entspreche, nicht in Sicht sei. (apa/red)

18.4.2004 19:02