Alarmstufe Rot in Israel: Zehntausende bei Begräbnis von Hamas-Boss Rantisi
- Wütender Protest gegen Israel, weltweit heftige Kritik
- Identität des neuen Hamas-Chefs geheim gehalten

·Explosion im Gaza-Streifen - 4 Verletzte
Selbsmordattentat auf Industriegelände bei Erez
Zehntausende Palästinenser haben an der Zeremonie zur Beerdigung des von Israel getöteten Hamas-Führers Abdelaziz el Rantisi teilgenommen. Der in eine grüne Hamas-Fahne gewickelte 56-Jährige wurde am Morgen in einem offenen Sarg aus dem Schifa-Krankenhaus in Gaza getragen. Der Trauerzug bewegte sich in Richtung von Rantisis Wohnhaus im nördlichen Viertel El Nasr. Auch bewaffnete Mitglieder anderer nationalistischer und islamistischer Bewegungen, die unaufhörlich Schüsse in die Luft abgaben, nahmen an der Beerdigung teil. Der 56-Jährige Rantisi war nach einem gezielten Luftangriff in Gaza seinen schweren Verletzungen erlegen. Auch zwei seiner Leibwächter starben nach dem Raketenangriff eines Hubschraubers auf Rantisis Auto.
Die gezielte Tötung wurde international verurteilt, so auch durch den deutschen Außenminister Joschka Fischer. Deutschland habe gemeinsam mit der EU gezielte Tötungen immer abgelehnt, sagte Fischer in Paris nach Beratungen mit seinem französischen Kollegen Michel Barnier sowie dem Irak-Beauftragten der Vereinten Nationen, Lakhdar Brahimi. "Wir halten das für ein Mittel, das nicht angewendet werden darf", fügte Fischer hinzu. "Die Ereignisse vor Ort erfüllen uns mit großer Sorge."
Hamas machen USA mitverantwortlich
Der palästinensische Regierungschef Korei sieht in der Liquidierung des Hamas-Führers Rantisi das Ende des Friedensprozesses mit Israel. Er fordert ein internationales Eingreifen, das Israel gegenüber weniger parteiisch sei als die US-Regierung.
Khaled Mechaal, politischer Führer der Untergrundorganisation Hamas hat die USA mitverantwortlich für die Tötung Rantisis gemacht. Mit seiner Unterstützung für die neuen Nahost-Pläne Israels habe Washington den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon zur Tötung Rantisis ermutigt.
Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin von US-Präsident Bush, erklärte, die USA seien von der geplanten Tötung Rantisis nicht informiert worden. Rice verteidigte die international scharf kritisierte Entscheidung des US-Präsidenten, dem israelischen Regierungschef Ariel Sharon grünes Licht für seine Siedlungspläne zu geben.
Die EU-Ratspräsidentschaft verurteilte sowohl die gezielte Tötung Rantisis als auch den zuvor verübten Selbstmordanschlag am Grenzübergang Eres, bei dem ein israelischer Soldat getötet worden war. Die EU sei "tief besorgt über den fortwährenden Kreislauf der Gewalt" zwischen Palästinensergruppen und israelischen Truppen, erklärte der amtierende EU-Ratsvorsitzende, der irische Außenminister Brian Cowen.
Geheimer Nachfolger für Rantisi
Die Hamas ernannte unterdessen bereits einen Nachfolger für Rantisi, dessen Identität jedoch geheim bleiben soll. Aus Kreisen der Gruppe verlautete, die Geheimhaltung geschehe aus Sicherheitsgründen. Nach einem Bericht des israelischen Armeeradios soll Rantisis bisheriger Stellvertreter Mahmud Sahar dessen Funktion übernommen haben.
Der 53-jährige Mahmud Sahar gilt wie Rantisi als Hardliner. Er war der Leibarzt des am 22. März ebenfalls von Israel getöteten Hamas-Gründers Scheich Ahmed Yassin. Mitte der 90er Jahre war er der Verbindungsmann der Hamas zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) von Präsident Yasser Arafat. Mittlerweile lehnt Sahar jedoch Kompromisse mit der Palästinensischen Autonomiebehörde ab. Sahar wurde wiederholt von Israel und der Autonomiebehörde inhaftiert.
Weltweit heftige Kritik
Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, prangerte ebenso israelischen "Staatsterrorismus" an wie der Golf-Kooperationsrat. Der ägyptische Außenminister Ahmed Maher und Jordaniens König Abdullah II. sprachen von einem "Verbrechen". Eine der höchsten Autoritäten des sunnitischen Islam, Scheich Mohammed Sayed Tantawi, erklärte Rantisi in Kairo zum "Märtyrer". Mehrere arabische Staaten sowie den Iran machten Washington für die Ermordung Rantisis "direkt verantwortlich".
UN-Generalsekretär Kofi Annan forderte einen "unverzüglichen Stopp" der "außergerichtlichen Tötungen". Ebenso wie die Europäische Union, Russland, Deutschland und zahlreiche andere Staaten äußerte er die Befürchtung, dass "diese Aktion zu einer weiteren Verschlechterung der schon Besorgnis erregenden und brüchigen Lage" in der Region führen werde. Papst Johannes Paul II. sprach von einem "unmenschlichen Akt".
(apa/red)
