Mittwoch, 7. April 2004

In den USA werden langsam böse Erinnerungen an den Vietnam-Krieg wach

  • In den USA schwindet das Vertrauen in den Irak-Krieg
  • Zahlreiche Parallelen zwischen Irak und Vietnam

Das Chaos im Irak, die Massaker von Falluja und die steigende Zahl toter Soldaten weckt in den USA zunnehmend Erinnerungen an den Vietnamkrieg. Dank Patriotismus und den Anschlägen des 11. September konnte Präsident Bush mit großer Zustimmung für den Irak-Feldzug rechnen. Jetzt schwindet das Vertrauen.

Das wachsende Chaos im Irak und die steigende Zahl toter Soldaten weckt in den USA zunehmend Erinnerungen an den Vietnamkrieg. Dank des Patriotismus der US-Bürger und ihres Schocks nach den Anschlägen vom 11. September 2001 konnte Präsident George W. Bush lange mit viel Zustimmung für den Irak-Feldzug rechnen. Aber das Vertrauen schwindet.

US-Senator Edward Kennedy wetterte gegen den "Kriegs-Präsidenten", der seine Glaubwürdigkeit verspielt habe. "Der Irak ist Bushs Vietnam", sagte Kennedy und suchte das Vietnamtrauma der Amerikaner zu wecken. Tatsächlich gibt es manche Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede zwischen den US-Kriegen in Vietnam und im Irak.

KRIEGSGRUND: Auslöser für den Vietnamkrieg war 1964 der "Tonkin- Zwischenfall", bei dem angeblich ein US-Schiff angegriffen wurde. Historiker bezweifeln, ob es diesen Vorfall je so gegeben hat. Wahrer Grund für den Krieg war die Angst der USA, dass ein kommunistisches Vietnam eine Kettenreaktion in Südostasien auslösen würde ("Domino- Theorie"). Auch im Irak erwiesen sich die Kriegsbegründungen - Massenvernichtungswaffen und Saddam Husseins Beziehungen zu El Kaida
- als nicht haltbar. Vermutlich wichtigste Motive für den Irakrieg waren der Wunsch nach Veränderung der politischen Landkarte im Nahen Osten und die Demonstration von Stärke.

KRIEGSVERLAUF: In Vietnam versanken die USA immer tiefer im Dschungelkrieg. Es war ein richtiger Krieg gegen die Streitkräfte Nordvietnams und die Guerillas. Am Ende kapitulierten die USA, die Kommunisten siegten. Im Irak wurde binnen weniger Kriegswochen das alte Regime besiegt und gestürzt. Ein Jahr danach aber droht ein kaum zu gewinnender Krieg gegen Aufständische, Guerillas und Terroristen, die wie in Vietnam in der Bevölkerung "wie die Fische im Wasser" (Mao Zedongs Guerilla-Taktik) schwimmen.

TRUPPENSTÄRKEN: In Vietnam waren auf dem Höhepunkt des Konflikts über 540.000 US-Soldaten involviert - im Irak sind es derzeit 130.000 US-Soldaten, wobei die Zahl im Sommer auf unter 100.000 sinken soll.

KRIEGSOPFER: Der Vietnamkrieg kostetet Schätzungen zufolge drei Millionen Vietnamesen und rund 58.000 Amerikanern das Leben. Im Irak geht man bisher von einigen zehntausend toten Irakern und über 600 getöteten US-Soldaten aus.

KRIEGSKOSTEN: Der amerikanische Steuerzahler hat rund 141 Milliarden Dollar für den Vietnamkrieg bezahlt. Bisher kostete der Irakrieg Schätzungen zufolge schon jetzt rund 100 Milliarden Dollar (82,6 Mrd. Euro).

NACHKRIEGSKONZEPT: In Vietnam ging es um die Sicherung des westlich orientierten Südvietnam gegen ein aggressives Nordvietnam. Im Irak geht es um Regime- und Systemwechsel. Bush ehrgeiziges Konzept sieht einen demokratischen Irak vor, in dem sich die Völker, Stämme, Clans und Religionen gegenseitig respektieren und zusammenarbeiten.

US-HEIMATFRONT: Der Vietnamkrieg spalteten die USA mehr als jeder andere Konflikt seit dem Bürgerkrieg (1861-1865). Millionen demonstrierten gegen den Krieg, die intellektuelle Elite der USA wurde entschiedener Kriegsgegner. Der Irakrieg spaltet die USA noch lange nicht in diesem Maße, Umfragen zeigen, dass noch immer eine Mehrheit den Irakkrieg grundsätzlich richtig findet. Viele sehen die Beseitigung des Diktators Saddam Hussein sowie das militärische Engagement im Nahen Osten positiv. Viele stimmen den Neokonservativen zu, dass ein "Zusammenstoß der Kulturen" zwischen dem demokratischen Westen und dem zunehmend radikalen Islam ohnehin unausweichlich sei.

US-PROBLEME: In Vietnam unterschätzten die Amerikaner Nationalismus und Opferbereitschaft der Bevölkerung ebenso wie den Radikalität und Kampfwillen Nordvietnams unter Ho Tschi Minh. Washington glaubt heute, dass ein von außen implantiertes System in einem Land mit starken islamischen Traditionen und ohne demokratische Vergangenheit machbar sei. Dazu würde gehören, dass die Bevölkerung sich nicht ethnisch - als Kurden, Sunniten oder Schiiten - sondern politisch organisieren würde und die schiitische Mehrheit bereit wäre, die Macht zu teilen.

Unterschätzt wurde wohl auch das verletzte Ehrgefühl der besiegten Iraker, die sich trotz aller sozialer und wirtschaftlicher Fortschritte häufig von der Besatzungsmacht gedemütigt fühlen. Bush glaubte, die Mehrheit der Iraker würde die Amerikaner aus Freude über den Sturz des verhassten Saddam als Befreier begrüßen. Das funktionierte höchstens bei den Kurden, zeitweise bei den Schiiten - aber gerade diese Säule des US-Irakkonzepts droht nun einzustürzen.
(apa/red)

7.4.2004 17:57