Lage im Irak eskaliert: US-Hubschrauber feuern in Bagdad auf militante Schiiten
- Schwere Auseinandersetzungen im Westen der irakischen Hauptstadt
- Unzählige Tote bei blutigen Straßenschlachten in Najaf und Bagdad

Während schwerer Kämpfe zwischen militanten Schiiten und US-Besatzungssoldaten in Bagdad haben zwei US-Kampfhubschrauber das Feuer auf Anhänger des Schiitenführers Muktada al Sadr eröffnet. Die beiden Helikopter vom Typ "Apache" schossen auf Mitglieder der "Mahdi-Armee" im westlichen Stadtteil Al Shawla, wie Augenzeugen berichteten. Die Kämpfe eskalierten, als ein Konvoi von fünf Lastwagen mit US-Soldaten und irakischen Sicherheitskräften in den Stadtteil einfahren wollte und angegriffen wurde. Gegen Schiiten-Führer Muktada Sadr ist inzwischen ein Haftbefehl erlassen worden. Sadr werde der Mord an einem rivalisierenden Geistlichen vorgeworfen. Inhaftiert wird Sadr aber derzeit nicht, weil sich der Geistliche in einer Moschee aufhält.
Nach Angaben eines Augenzeugen sollen die von den USA ausgebildeten Sicherheitskräfte in dem Chaos auf US-Soldaten geschossen haben. Daraufhin seien die US-Soldaten zunächst in Deckung geflüchtet und hätten dann auf die Schiiten und das irakische Zivilschutzkorps geschossen.
Bush:Termin für Machtübergabe bleibt
US-Präsident George W. Bush hält trotz der aktuellen Lage am 30. Juni als Termin für die Machtübergabe an eine souveräne Regierung fest. Allerdings werden die USA auch danach ihre militärische Präsenz aufrechterhalten.
Al Sadr zum "Gesetzlosen" erklärt
US-Statthalter Paul Bremer hat unterdessen Muktada al Sadr zum "Gesetzlosen" (outlaw) erklärt. "Wir sind in einer schwierigen Situation", sagte Bremer auf einer Sitzung des neu geschaffenen irakischen Sicherheitsrates. "Wir haben eine Gruppe unter Muktada al Sadr, die sich im Prinzip außerhalb des gesetzlichen Rahmens gestellt hat." Der Prediger, dessen Miliz sich am Sonntagabend in der Bagdader Vorstadt Sadr City Straßenschlachten mit dem US-Militär geliefert hatte, versuche, "seine Autorität anstelle der legitimen Autorität zu etablieren". Dies werde aber nicht toleriert werden, fügte Bremer hinzu.
Unzählige Iraker getötet
Bei Kämpfen zwischen einer radikalen Schiiten-Miliz und US-Besatzungstruppen sollen in Sadr City 90 Iraker ums Leben gekommen sein. Unter den Toten seien auch mehrere Kinder, berichteten Krankenhausärzte. Das US-Militär gab lediglich an, dass sieben US-Soldaten getötet und 24 verletzt wurden.
Zu den bisher blutigsten bewaffneten Zusammenstößen seit Kriegsende kam es, als die "Mahdi-Armee", die Miliz des schiitischen Predigers Muktada al Sadr, versuchte, Polizeiwachen und andere Amtsgebäude in der Armen-Vorstadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Das US-Militär ging massiv gegen die Milizionäre vor. In den Straßen waren US-Panzer unterwegs.
Unruhen am Sonntag: 30 Tote in Najaf
Bei gewaltsamen Protesten schiitischer Besatzungsgegner in der irakischen Stadt Najaf sine am Sonntag fast 30 Menschen getötet worden. Über 200 Iraker seien verletzt worden, als eine spanisch geführte Brigade auf die zum Teil bewaffneten Demonstranten geschossen habe, sagte ein Vertreter der Gesundheitsbehörde in Najaf. Ein Amerikaner und ein Soldat aus El Salvador wurden getötet, neun weitere verletzt.
Die Schiiten beschuldigen die spanische Truppe, am Samstag einen Büroleiter von Schiitenführer Moktada al Sadr festgenommen zu haben. Die spanische Brigade in Najaf erklärte dagegen, sie habe mit der Festnahme von Mustafa el Jaakubi nichts zu tun. Die US-Armee wollte keine Stellung dazu nehmen. Die Schiiten protestieren zudem seit Tagen dagegen, dass die Besatzungsmächte Sadrs Zeitung "El Hausa" geschlossen haben. Sadr rief seine Anhänger dazu auf, ihre "Feinde zu terrorisieren". Demonstrationen seien "unnütz" geworden. Der Schiitenführer führte seinen Aufruf zum gewaltsamen Widerstand nicht näher aus.
Explosionen und Schüsse
Auf der Verbindungsstraße zwischen Najaf, das rund 160 Kilometer südlich von Bagdad liegt, und der benachbarten Stadt Kufa waren über eine Stunde lang Explosionen und Schüsse zu hören. Hubschrauber und Kampfflugzeuge der US-Armee flogen über den Ort. Auf dem Weg zwischen Najaf und Kufa befindet sich das Hauptquartier der spanischen Truppe. In Kufa besetzten Anhänger von Sadr mehrere Verwaltungsgebäude. In Amara im Südosten des Landes starb nach Krankenhausangaben ein Iraker bei Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und britischen Soldaten.
In Najaf wurden neun weitere Soldaten aus El Salvador verletzt, als schiitische Angreifer am spanischen Militärstützpunkt Andalus auf die Armeeangehörigen geschossen hätten, teilte ein Sprecher der spanisch geführten Brigade in Najaf mit. Auf der Straße zwischen Hauija und Baiji, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad, starben laut Polizei vier Bombenleger.
Großayatollah ruft zur Mäßigung auf
Das Oberhaupt der irakischen Schiiten, Großayatollah Ali Sistani, hat die Volksgruppe nach den blutigen Protesten gegen die US-geführte Besatzungsmacht zur Mäßigung aufgerufen. Wie am Sonntag aus dem Umfeld des schiitischen Würdenträgers in Najaf verlautete, appellierte Sistani an die Schiiten, Ruhe zu bewahren, ihre Wut zu zügeln und Probleme auf dem Verhandlungswege zu lösen. Auch sollten Demonstranten Gewalt durch die Besatzungsmächte nicht vergelten.
Zuvor hatte der radikalere Schiitenführer Moktada al Sadr seine Anhänger dazu aufgerufen, ihre "Feinde zu terrorisieren", da Demonstrationen sinnlos geworden seien.
(apa/red)
