Samstag, 3. April 2004

SCHLAG GEGEN TERROR: Chef der Madrid-Anschläge tot!

  • Anschläge vom 11. März offenbar weitgehend aufgeklärt
  • Fünfte Leiche entdeckt: "Nummer 2" der Gruppe

Knapp vier Wochen nach den Anschlägen des 11. März mit 191 Toten in Madrid ist das Massaker weitgehend aufgeklärt. Der als Drahtzieher geltende Tunesier Serhane ben Abdelmajid Farkhet (35) und vier weitere gesuchte islamische Terroristen sprengten sich bei einer Polizeirazzia in die Luft. Rund 24 Stunden nach der Explosion fand die spanische Polizei am Sonntagabend die Leiche eines fünften Terroristen.

Dabei soll es sich um die "Nummer zwei" der Terrorzelle, den Marokkaner Jamal Ahmidan alias "Der Chinese", handeln, hieß es aus Ermittlerkreisen. Der 33-Jährige galt als Stellvertreter Abdelmajids.

Die fünf Verdächtigen hatten sich am Samstagabend in einem Gebäude im Madrider Vorort Leganes verschanzt. Als ein Spezialkommando der Polizei ihre Wohnung stürmen wollte, zündeten sie rund 20 Kilogramm Dynamit. Dabei rissen sie auch einen 41 Jahre alten Beamten mit in den Tod. Drei weiteren Extremisten soll die Flucht gelungen sein. Die neue Leiche war unter den Trümmern der völlig zerstörten Wohnung entdeckt worden.

Spaniens Innenminister Angel Acebes hatte zuvor mitgeteilt, die Terrorzelle sei im Kern zerschlagen worden. Die Haupttäter seien entweder ums Leben gekommen, festgenommen oder zumindest identifiziert worden. Zudem seien neue Attentate vereitelt worden.

Der jahrelang in Madrid lebende Ben Abdelmajid - alias "Der Tunesier" - galt als Chefideologe und Anführer der Terrorzelle des 11. März. Erst am Mittwoch waren er und fünf marokkanische Verdächtige zur internationalen Fahndung ausgeschrieben worden. Unter den Toten sei noch ein zweiter dieser Männer, der Marokkaner Agdennabi Kounjaa.

Ein dritter Toter sei als Rifaat Anouar identifiziert worden. Einer von ihnen trug einen Sprengstoffgürtel. 15 weitere Verdächtige sitzen bereits in Haft. Sechs von ihnen wird 191-facher Mord vorgeworfen.

Regierungschef Jose Maria Aznar und der künftige sozialistische Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero nahmen am Sonntag an einer Trauerfeier für den bei der Explosion getöteten Polizisten teil. Elf weitere Polizisten waren verletzt worden, drei von ihnen schwer. Das Gebäude wurde durch die Explosion so stark beschädigt, dass es vermutlich abgerissen werden muss. Die Fassade stürzte teilweise ein. Ein abgefangener Handy-Anruf hatte die Ermittler auf die Spur der Männer gebracht.

Die Verdächtigen hatten nach den Worten von Acebes bereits weitere Anschläge geplant. In der Wohnung seien einsatzbereite Bomben mit rund zehn Kilogramm Dynamit, ein Sprengstoffgürtel und 200 Zünder entdeckt worden. "Sie wollten weiter morden", sagte der Minister.

Der Plastiksprengstoff des Typs Goma-2 ist der gleiche, der auch bei den Anschlägen mit 191 Toten und fast 1500 Verletzten auf vier Pendlerzüge am 11. März und bei dem vereitelten Attentat auf die Bahnstrecke Madrid-Sevilla am Freitag eingesetzt worden war.

Die Ermittler sind deshalb überzeugt, dass dieselbe islamische Terrorgruppe dahinter steckte. Diese soll zum Netzwerk El Kaida gehören. "Wir können von einem brillanten Fahndungserfolg sprechen", erklärte Acebes.

Stunden nach der Razzia entdeckte die Polizei am Sonntag in Leganes einen weiteren Sprengsatz. Er befand sich an einem der Leichenteile. Hunderte Menschen mussten während der Entschärfung des Sprengkörpers erneut aus ihren Wohnungen in Sicherheit gebracht werden. Zudem stießen die Fahnder in der Tiefgarage des Gebäudes der mutmaßlichen Terroristen auf ein Fahrzeug, in dem ebenfalls Sprengstoff vermutet wurde.

Der Zugverkehr auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Sevilla normalisierte sich nach einer 20-stündigen Unterbrechung am Sonntag wieder. Hunderte Polizisten und Soldaten hatten die 470 Kilometer lange Trasse nach möglichen weiteren Bomben abgesucht. Entdeckt wurde aber nichts. Nach dem Fund eines Zwölf-Kilo- Sprengsatzes am Freitag werden diese und andere Bahnlinien nun auch vom Militär bewacht.

Auch auf der Ferieninsel Mallorca wurden Gleise inspiziert, hieß es. Es ist das erste Mal, dass die spanische Armee derart massiv in den Kampf gegen den Terror einbezogen wird. Auch Bahnhöfe, Flughäfen, Atomkraftwerke oder Erdöl-Raffinerien werden jetzt stärker abgesichert.
(apa, red)

3.4.2004 21:47