Mittwoch, 17. März 2004

Supermodels: Das Ende der Elite

  • Nach dem Konkurs von „Elite N. Y.“ orakeln Branchen-Insider vom Ende der Supermodels.

Modelzukunft: „Statt 10 Supermodels 40 bis 50 Topmodels, die keiner mehr kennt!“

Linda posiert in der Bar des Pariser Hotel Ritz: barfuß, ein Glas Champagner in der Hand und eine Zigarette zwischen die Zehen geklemmt, die sie mit den Beinen zum Mund balanciert. Die junge Naomi neben ihr krümmt sich vor Lachen. Ein Paparazzo hielt das Szenario für die Nachwelt fest.
Zehn Jahre ist das erst her und doch wie aus einer anderen Zeit. Damals, als es noch Supermodels vom Kaliber einer Campbell oder Evangelista gab. Letztgenannte verlautete damals abgehoben, für 10.000 Dollar nicht einmal das Bett verlassen zu wollen. In diese Verlegenheit kommt sie heute längst nicht mehr: Sie ist ein Auslaufmodell. Schiffer, Moss, Crawford, MacPherson, Auermann, Christensen: Sie alle tauschten Laufsteg gegen Laufstall und widmen sich heute bis auf einige wenige hoch dotierte Kampagnen überwiegend Kind und Kegel. Einzig Campbell ist noch da, manchmal dank teurer Couture, häufiger dank bunter Kavaliere in den Klatschspalten.

Elite am Ende. Nun steuert die Branchenkrise zügig in die Katastrophe: Der New Yorker Ableger der Großagentur Elite musste soeben beim Bezirksgericht in Manhattan Konkursantrag stellen. Die Schmiede der Supermodels, die Crawford, Seymour und Schiffer gerierte, beantragt Gläubigerschutz. Sprecherin Pillard versuchte die missliche Lage noch schönzureden: „Der Konkursantrag beeinträchtigt das operative Geschäft keineswegs, sondern soll zur Konsolidierung beitragen.“

Schulden in Höhe von sieben Millionen Dollar und millionenschwere Schadenersatzklagen ehemaliger Models, die sich durch Honorarabsprachen betrogen fühlen, zwangen nun gerade die Agentur in die Knie, die einst als die größte und beste galt.

Skandale. Doch das war vor dem Skandal 1999, als ein BBC-Undercoverreporter die Machenschaften von Elite-Europa-Boss Gerald Marie aufdeckte: sexuelle Ausbeutung viel zu junger Mädchen, ein ungesund liberaler Umgang mit Drogen, Sexismus in Serie. Marie und Kameraden mussten das Designerhütchen nehmen, Elite-Oberboss John Casablancas verabschiedete sich angeblich freiwillig in den Unruhestand: „Ich verabscheue die Stars und Zicken!“ Heute pendelt der Mädchenmacher samt Familie zwischen Brasilien und Florida und verarbeitet seine Vergangenheit mit Vorliebe in der Presse.

Fast Food statt Farmkost. Keine Stars mehr, auf den Laufstegen nur noch anonyme Skelette, austauschbar und durchlauferhitzt. Das Mädchengeschäft regieren andere, so Casablancas, „fashion victims“ und „Anfänger“. Weil viele kleine Agenturen das schnelle Geld suchen, würden nun keine Models mehr aufgebaut, „es geht nicht mehr zu wie auf einer Farm, wo sie säen und ernten“, sondern eher wie im Fast-Food-Business.

In einer Zeit, in der „Geiz ist geil“ als Lebensmotto durchgeht, weht es dem Beauty-Business dank Wertewandel und Wachstumsflaute eisig entgegen: Wolfgang Schwarz, Ex-Elite-Österreich-Boss und heute mit „Look Models International“ erfolgreich: „Die Modebranche ist in der Krise, wir befinden uns in einem Konzentrationsprozess, Luxusartikel stagnieren. Für große Kampagnen fehlt einfach das Geld. Agenturen kann man heute von der Stange kaufen!“
Top- statt Supermodels. Bei den Mädchen sei die gegenteilige Entwicklung ortbar: „In den Neunzigern gab es zehn Supermodels, heute gibt es vierzig bis fünfzig Topmodels, die das Volk nicht kennt, zum Beispiel Karolina Kurkova. Ein Supermodel ist nicht in Sicht.“

Verschwundene Dinos. Ins selbe Horn bläst Branchenkollegin Andrea Weidler, Chefin des Wiener Modellsekretariats: „Der ungesunde Hype ist vorbei, auch die grenzenlose Überheblichkeit von Elite New York. Statt einem Supermodel gibt es mehrere Topmodels, etwa Gisele Bündchen, die sich bewusst aus den Skandalschlagzeilen nimmt.“ Und Günther Klum, Manager seiner Tochter Heidi: „Nach dem Abgang von Claudia Schiffer ist eine Lücke entstanden. Es gibt viele Models, aber keine großen Namen mehr.“

Branchenkenner trauern um die Dinosaurier, die sich oft als kleine Monster entpuppten, indes wenig. Weidler: „Campbell war wie die Axt im Wald.“ Und Casablancas: „Naomi war hasserfüllt, ist jeden Abend mit einem anderen Typ ausgegangen, hat nie geschlafen und Gott weiß was gemacht, um in Form zu bleiben!“

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PLUS: Eva Herzigova im Branchen-Talk.
PLUS: „Klum und Schiffer kennt in zehn Jahren keiner mehr!“

17.3.2004 16:35