Mittwoch, 17. März 2004

Nach Madrid-Terror: Europäische Zentralbank berät die Folgen

  • Experten glauben nicht an von Spekulanten erwartete Zinssenkung
  • Möglicherweise Erklärung am Nachmittag

Die Anschläge von Madrid und ihre möglichen Auswirkungen auf die Wirtschaft beschäftigen heute auch den Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). Spekulationen am Rentenmarkt, die EZB könne wie nach den Anschlägen am 11. September 2001 eine Zinssenkung als Reaktion in Betracht ziehen, halten Analysten aber für übertrieben.

Der Rat traf in der Früh zur zweiten Sitzung des Monats zusammen, auf der in der Regel nicht über die Zinsen in der Euro-Zone entschieden wird.

Der österreichische Notenbankgouverneur Klaus Liebscher hatte angekündigt, dass sich der EZB-Rat mit den Anschlägen beschäftigen werde, bei denen vor einer Woche mehr als 200 Menschen getötet worden waren. Dies hatte Spekulationen am Rentenmarkt angeheizt, die Notenbank könne außer der Reihe die Zinsen senken oder zumindest - wie nach dem Beginn des Irak-Krieges vor einem Jahr - eine Erklärung zu den Ereignissen abgeben.

Am Mittwoch hatten die Kurse des kurzfristigen Zinspapiers Euribor den höchsten Stand seit neun Monaten erreicht. Dazu hatte allerdings maßgeblich auch das Signal der US-Notenbank, den Leitzins noch länger bei 1,00 Prozent zu belassten, beigetragen.

Nach den jüngsten Äußerungen führender EZB-Vertreter halten Analysten eine Zinssenkung aber weiterhin für sehr unwahrscheinlich. EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte sich zuversichtlich über die Konjunktur geäußert. Nach Liebschers Worten ist es zu früh, um über Auswirkungen der Anschläge von Madrid zu spekulieren - dem ersten schweren Attentat in Europa, das der Terrorgruppe El Kaida zugeschrieben wird. Der luxemburgische Notenbankchef Yves Mersch hatte seine geldpolitische Haltung als "absolut neutral" bezeichnet.

"Das spricht nicht dafür, dass sie die Zinsen senken", sagte Michael Schubert, Volkswirt von der Commerzbank. Eine Erklärung der EZB, mit der sie die Finanzmärkte nach den Anschlägen in Spanien versuchen könnte zu beruhigen, hätte wahrscheinlich die gegenteilige Wirkung. Auch ein Rentenhändler in London sagte, dies würde nur signalisieren, dass die Notenbank in Panik sei. Dennoch sagte ein Händler in Düsseldorf, der Markt sei sehr nervös und warte gespannt auf eine Erklärung der EZB.

Der EZB-Rat, an dessen Sitzung auch die Notenbankpräsidenten aus den zehn beitretenden EU-Länder sowie aus den Nicht-Euroländern Großbritannien, Schweden und Dänemark teilnehmen, teilt um 14.30 Uhr mit, ob es eine Erklärung der Notenbank geben wird. Seit die EZB den zweiten Sitzungstermin eines Monats nicht mehr als Zinssitzung ansetzte, hat sie niemals bei dieser Gelegenheit die Zinsen geändert.
(apa, red)

17.3.2004 15:23