Dienstag, 9. März 2004

Münchner Korruptionsskandal: Furcht vor Imageschaden

  • Beckenbauer von Vorwürfen gegen 1860-Präsident geschockt
  • Bundesinnenminister Schily verlangt umfassende Ermittlungen

Im Korruptionsskandal um den Bau des neuen Münchner Fußballstadions fürchten Vertreter aus Sport und Politik einen Imageschaden für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und fordern eine lückenlose Aufklärung. Bundesinnenminister Otto Schily verlangte umfassende und schnelle Ermittlungen. Nur so könne verhindert werden, "dass ein Schatten auf die Ausrichtung der WM 2006 fällt". Nach den Vorwürfen gegen TSV München 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, seinen Sohn und zwei weitere Verdächtige zeigten sich Franz Beckenbauer, Chef des WM-Organisationskomitees, und sein Vize Wolfgang Niersbach "total geschockt" und "bestürzt und betroffen".

"Löwen"-Chef Wildmoser saß am Mittwochnachmittag weiter in Untersuchungshaft. Über Haftbefehle gegen seinen Sohn sowie einen Schulfreund des Sohnes sollte noch am Mittwoch entschieden werden. Der vierte Festgenommene war nach einem umfassenden Geständnis wieder freigekommen. Das teilte das Bayerische Landeskriminalamt mit.

2,8 Millionen Euro kassiert
Wildmoser war am Dienstag verhaftet worden und musste schon die Nacht in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim verbringen. Er lässt nach Angaben seines Anwalts seine Vereinsämter ruhen. Er und sein Sohn sollen bei der Vergabe des Auftrags für den Bau der 280 Millionen Euro teuren "Allianz Arena" an die Alpine Bau Deutschland GmbH, eine Niederlassung der in Salzburg ansässigen Alpine Mayreder Bau GmbH, Schmiergelder in Höhe von 2,8 Millionen Euro kassiert haben. Die Vorwürfe lauten auf Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung.

Teile des Vermögens eingefroren
Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Teile des Vermögens des Beschuldigten und seines ebenfalls unter Verdacht stehenden Sohnes eingefroren. Die Ermittler würden das Privatvermögen der beiden Inhaftierten bis zur mutmaßlichen Höhe der Schmiergeldzahlungen von 2,8 Millionen Euro beschlagnahmen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld am Mittwoch in München.

Alpine Informationen gesteckt
Bei dem geständigen Mann handelt es sich um einen Mitarbeiter der Dresdner Immobilienfirma der Wildmosers. Über diese Firma wie auch über die Immobilienfirma des Schulfreunds von Wildmoser junior sollen die Schmiergelder zur Verschleierung geflossen sein. Konkret soll Wildmoser Alpine gesteckt haben, dass die Münchner Bundesligavereine als Bauherren maximal 280 Millionen Euro für den Neubau des Stadions akzeptieren wollten. Damit konnte die Firma - so der Verdacht - den Betrag voll ausreizen.

Deutlich überhöhten Preis
Der Auftrag wurde nach Auffassung der Ermittler genau zu diesem Maximalbetrag und damit zu "einem deutlich überhöhten Preis" vergeben. Mindestens das Schmiergeld, das mit 2,8 Millionen Euro ein Prozent des Preises betrug, sei aufgeschlagen worden.

Baufirma zeigt sich betroffen
Das österreichische Bauunternehmen Alpine Mayreder in Salzburg zeigte sich betroffen. "Wir sind über die erhobenen Vorwürfe zutiefst schockiert und bieten der Staatsanwaltschaft selbstverständlich volle Kooperation an", stellte Dietmar Aluta-Oltyan, Geschäftsführer der Alpine Mayreder BauGesmbH, in einer Aussendung fest. Bei Alpine ist man überzeugt, "dass die eingeleitete Prüfung des Vergabeverfahrens nachweisen wird, dass weder Provisionen an den Bauherrn noch an dessen Organe bezahlt und auch nicht in den Preis eingerechnet wurden".

Ahnungslos
Wie diese Vorwürfe entstanden sind, kann sich Aluta nicht erklären, "da Alpine keinen wie auch immer gearteten Einfluss auf die Vergabe hatte". "Prüft man die Angebotsentwicklung, dann kann eindeutig nachgewiesen werden, dass weder der Auftraggeber geschädigt wurde, noch die Alpine einen überhöhten Preis verlangt hat", so Aluta.

Stadion-Bau nicht betroffen
Beckenbauer sagte, der Korruptionsskandal habe keine unmittelbaren Auswirkungen auf die WM-Vorbereitungen. "Der Stadion-Bau und die WM sind in keiner Weise betroffen", versicherte er in der "Bild"- Zeitung. Er sei "total überrascht" von den Schmiergeld-Vorwürfen und der Verhaftung Wildmosers. OK-Vize Niersbach gab sich überzeugt, dass die "Allianz Arena" wie geplant zur Saison 2005/06 und damit knapp ein Jahr vor WM-Beginn fertig gestellt wird.

Betrug am Bau besonders leicht
Ein erfahrener Ermittler sagte, der Skandal entspreche voll den Erwartungen der Strafverfolgungsbehörden. Die Branche führe "schon traditionell" die Schmiergeld-Statistiken an, sagte der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner. Am Bau seien Betrug und damit verbunden die Korruption besonders leicht.

Stadion GmbH kündigt rechtliche Schritte an
Die Allianz Arena München Stadion GmbH als Bauherrin wird rechtliche Schritte prüfen lassen. Die Gesellschaft werde untersuchen lassen, welcher Schaden entstanden sei und gegenüber wem dieser Schaden geltend gemacht werden könne, sagte Geschäftsführer Fritz Scherer am Mittwoch der dpa auf Anfrage. In Frage kämen die Baugesellschaft Alpine wie auch Karl-Heinz Wildmoser junior und senior. Zuerst müssten jedoch die Fakten geklärt sein, bevor über eine mögliche Schadenersatzklage entschieden werden könne.

(APA/red)

9.3.2004 11:53