Donnerstag, 11. März 2004

Spanien im Bann des Terrors: Schweigeminuten für 199 Tote

  • Jagd auf Attentäter: ETA bestreitet jede Verwicklung
  • PLUS: Die BILDER von den Trauermärschen!

Nach den verheerenden Bombenanschlägen von Madrid steht Spanien unter Schock. Eine dreitägige Staatstrauer wurde ausgerufen. Aus Protest gegen die Bombenanschläge mit fast 200 Toten in Madrid sind am Freitagabend 11 Millionen Menschen in ganz Spanien auf die Straße gegangen. Allein in Madrid waren es nach Polizeiangaben zwei Millionen Teilnehmer. Dies war nach Medienberichten die größte Kundgebung in der Geschichte der spanischen Hauptstadt.

Unklar ist weiter, wer Drahtzieher des Anschlags mit rund 200 Toten und 1.500 Verletzten ist. Donnerstagabend tauchte in London ein El Kaida-Bekennerschreiben auf. Die Terror-Ermittler gehen aber noch immer von einem ETA-Anschlag aus.

Die baskische Untergrundorganisation ETA hat allerdings jede Verwicklung in die Bombenanschläge bestritten. Dies berichtete am Freitagabend das baskische Fernsehen sowie die baskische Zeitung "Gara", die den Separatisten nahe steht, in ihrer Internet-Ausgabe. Ein Anrufer habe im Namen der ETA jede Verantwortung der Organisation für das Blutbad zurückgewiesen.

Die spanische Polizei hat eine groß angelegte Fahndung nach den Terroristen begonnen. Allerdings war fast 24 Stunden nach den verheerenden Attentaten mit mindestens 192 Toten und rund 1.500 Verletzten noch unklar, aus welchen Kreisen die Terroristen stammten. "Die Polizei ermittelt in alle Richtungen", sagte Spaniens Innenminister Angel Acebes in der Nacht zum Freitag. Die spanische Regierung hielt es für das Wahrscheinlichste, dass die baskische Untergrundorganisation ETA hinter dem Blutbad steckte. Sie schloss aber auch nicht aus, dass das Terrornetz El Kaida oder eine andere islamische Gruppe das Massaker angerichtet hat.

Eine in London erscheinende arabischsprachige Zeitung teilte am Abend mit, sie habe ein Bekennerschreiben des Terrornetzwerks El Kaida erhalten. Der Chefredakteur der Zeitung "Al-Quds Al-Arabi", Abdelbari Atwan, sagte den britischen Fernsehsendern Sky News und BBC, die Bekennerbotschaft sei per E-Mail an die Redaktion geschickt worden. El Kaida bezeichne Spanien darin als eines der wichtigsten Mitglieder der "Allianz im Krieg gegen den Islam". Das "Todeskommando" der Brigade habe "einen der Pfeiler der Kreuzzug-Allianz" getroffen. Damit seien "alte Rechnungen mit Spanien" beglichen worden, einem "Verbündeten Amerikas in dessen Krieg gegen den Islam", hieß es laut dem Bericht.

Die spanische Regierung kündigte an, sie werde das angebliche Bekennerschreiben "genau und kritisch prüfen". Die Polizei ermittle in alle Richtungen. Die ETA sei die wichtigste Spur, denn die Bomben hätten aus dem üblicherweise von der ETA benutzten Sprengstoff bestanden. Außerdem habe die ETA schon zu Weihnachten 2003 einen ähnlichen Anschlag auf Züge verüben wollen.

Innenminister Acebes, der zunächst eine Verwicklung von El Kaida oder anderer islamischer Gruppen ausgeschlossen hatte, korrigierte sich später. In der Stadt Alcala de Henares östlich von Madrid sei ein gestohlener Lieferwagen aufgespürt worden, in welchem sieben Sprengstoff-Zünder und ein Tonband mit Koran-Versen in arabischer Sprache gefunden worden seien, berichtete Acebes am Abend. Das gefundene Tonband enthalte keine Drohung. Jedoch stehe der Lieferwagen im Zusammenhang mit den Anschlägen. Der Lieferwagen mit den Zündern wurde dem Innenministerium zufolge in Alcala de Henares am Rande Madrids gefunden, wo drei der vier von den Anschlägen betroffene Züge abfuhren. Der vierte Zug passierte ebenfalls den Ort.

Weitere Bombe entdeckt
Nach den Terroranschlägen auf mehrere Madrider Vorortezüge mit 199 Toten ist eine weitere Bombe entdeckt worden. Sie befand sich unter den vielen Gepäcksstücken, die nach den Attentaten in einer Polizeiwache im Südosten Madrids deponiert worden waren, wie der Rundfunk am Freitag berichtete. Die in einer Reisetasche versteckte Bombe konnte entschärft werden. Die Beamten entdeckten sie, weil in der Tasche ein Mobiltelefon klingelte, das wohl den Zünder auslösen sollte. Der Mechanismus versagte jedoch.

10 Bomben explodierten gleichzeitig
Insgesamt waren im morgendlichen Berufsverkehr zehn Bomben fast zeitgleich in vier Pendlerzügen explodiert. Drei weitere, in Reisetaschen versteckte Bomben waren Sprengfallen, die laut Acebes zeitverzögert später explodieren und Polizisten und Retter treffen sollten. Sie wurden kontrolliert gesprengt. Insgesamt wurden für die Bomben fast 200 Kilogramm Sprengstoff benutzt. Eine vorherige Warnung gab es nicht.

Mehrere Ausländer unter Opfern
Unter den Todesopfern der verheerenden Bombenanschläge in Madrid sind auch mehrere Ausländer. Wie spanische Gerichtsmediziner mitteilten, starben bei den Bombenexplosionen in vier Vorortezügen in der spanischen Hauptstadt Einwanderer aus lateinamerikanischen Staaten, aus Osteuropa und aus Afrika.

Dreitägige Staatstrauer
Die spanische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. König Juan Carlos rief die Spanier zur Einheit im Kampf gegen den Terror auf. Ministerpräsident Jose María Aznar sagte, der Staat werde sich von Terroristen nicht in die Knie zwingen lassen. "Wir werden nicht vergessen ... wir werden die Terroristen voll und ganz besiegen."

Die Anschläge wurden drei Tage vor der Parlamentswahl am Sonntag verübt, bei der Ministerpräsident Aznar (51) nicht wieder antritt. Als klarer Favorit geht der konservative frühere Vizeregierungschef Mariano Rajoy (48) ins Rennen. Sein Rivale ist der 43 Jahre alte Chef der Sozialisten (PSOE), Jose Luis Rodríguez Zapatero.

Trotz der Anschläge erhöhen die USA den nationalen Terroralarm nicht. Der Sprecher des Innenministeriums in Washington, Brian Roehrkasse, begründete dies damit, dass es nach bisherigen Geheimdienstinformationen keine vergleichbaren Drohungen gegen die USA gebe. Er betonte aber, dass sich die Alarmstufe jederzeit verändern könne, falls sich entsprechende Hinweise ergäben. Die Alarmstufe steht derzeit auf "gelb" gesenkt, wie die Behörde für Heimatsicherheit am Mittwoch bekannt gab. "Gelb" ist die dritte von fünf Stufen und bedeutet "erhöhtes Risiko". (apa/red)

11.3.2004 08:27