Wer tötete Jesus? Gibsons Film erregt die Gemüter
- Ist dieser Film ein Meisterwerk, oder ein Hetzstück?
- PLUS: Wie Jesus wirklick lebte und starb.
Schuld sind die Juden, und dafür brennen sie seit 2.000 Jahren. Und zwar zu Recht, wenn wir so betrachten, wie sie unseren lieben Herrgott haben zurichten lassen.
Jetzt haben sie auch noch eine Rentnerin aus Houston und eine Mitbürgerin aus Wichita, Kansas (je ein Herzinfarkt im Kino), auf dem Gewissen. So wie den Herrn Jesus damals, als der Oberpriester Kaiphas mit seinen Spießgesellen vorbereitete, was der jüdische Mob dann exekutierte. Was mussten sie auch Kreuzigt ihn! kreischen, obwohl sie doch vom schwachen, aber prinzipiell gutartigen römischen Statthalter Pilatus vor die Wahl gestellt worden waren, entweder den Erlöser oder den Mörder Barabbas freizubekommen. Wetten, dass diese Lesart der Heilsgeschichte dem vergammelten Fundus antisemitischer Klischees entstiegen ist? In der gleichnamigen Gottschalk-Sendung (27. März, Basel) wird der Regisseur und Produzent Mel Gibson diese Frage vielleicht beantworten. Sein Film Die Passion Christi (The Passion of The Christ) hat in den USA Stürme entfesselt. Weshalb er auch vor der Zeit zu uns kommt: am 18. März nämlich und nicht, wie vorgesehen, in der Karwoche.
Zwei Stunden Folter
Die Folter des Publikums dauert zweieinviertel Stunden, doch die Kinos von Alaska bis Kalifornien sind ausverkauft. Manche schluchzen, die anderen verlassen frühzeitig das Kino und holen sich an der Kassa ihr Geld zurück. Gottesfürchtige Mittelwesterner beißen sich in die Fäuste, während ihre Gattinnen zwischen den Fingern auf die Leinwand spähen, um nichts zu versäumen. Im letzten Drittel vor allem wird es schlimm. Nach 40 Peitschenhieben hängt dem Heiland die Haut in Fetzen vom Körper. Widerhaken haben quer über den Rücken eine tiefe Wunde gerissen, aus der das Blut schießt. An dieser Stelle, so eine Besucherin, die das Kino lebend verlassen hat, habe sie sich schon in einer Art Trancezustand befunden, durch den sie in die Lage versetzt worden sei, die noch schlimmere Fortsetzung zu bestehen. Die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wird, wollen nicht halten. So drischt der römische Scherge wieder und wieder in Großaufnahme auf die zermalmte und zerfetzte Hand des Erlösers ein. Dann stürzt Jesus mitsamt dem Kreuz vornüber, das Gesicht nach unten, in die Steine. Da noch eins draufzusetzen, ist keine Kleinigkeit, aber möglich. Eine Krähe kreist um die drei Gekreuzigten, sucht sich endlich den linken (!) Schächer aus, schießt mit einem Schrei auf seinen Kopf los und hackt ihm, abermals in der hier gern gewählten Großaufnahme, die Augen aus, ehe sie ihm das Gesicht zerfleischt.
Gibsons Gewaltakt
Mel Gibson, Anhänger einer ultrarechten katholischen Splittergruppe, setzt seit dem vergangenen Aschermittwoch mit fatalen Folgen die Gesetze Hollywoods außer Kraft. Die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu sollen im Film dokumentiert sein: vom Aufbruch in den Garten Gethsemane nach dem Abendmahl bis zum Tod. Das Ergebnis: ein blutrünstiger (und daher erst ab 17 freigegebener) Low-Budget-Kracher ohne Stars, in lateinischer und aramäischer Sprache mit Untertiteln, verantwortet von einem rechten religiösen Spinner und ideologisch aus dem Fundus antisemitischer Vorurteile vor dem Zweiten Vatikanum gespeist. Sogar mit den Feministinnen legt er sich an, denn der Satan versucht den Herrn Jesus in Frauengestalt. Dergleichen müsste speziell in den USA zu umwegloser Kreuzigung des Urhebers führen.
Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS
Cannes21:21
Zweite Goldene PalmeMichael Haneke gewinnt mit "Amour" den Hauptpreis bei den Filmfestspielen
Familiendrama in St. Pölten15:23
Bluttat: Bub ist totÄrzte kämpften erfolglos: Achtjähriger Bub nach Kopfschuss gestorben

