Sonntag, 7. März 2004

Haiti: Schüsse auf friedliche Demonstration

  • Mehrere Tote bei Kundgebung von Aristide-Anhängern
  • Suche nach einem neuen Ministerpräsidenten gestartet

Haiti kommt auch nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide nicht zur Ruhe. Bei Schüssen auf eine Kundgebung von zehntausenden Aristide-Gegnern wurden am Sonntag mindestens fünf Menschen getötet, darunter ein Kameramann des spanischen Senders Antena 3. Unter den mehr als 30 Verletzten war auch ein US-Fotograf. Demonstrationsteilnehmer vermuteten so genannte "Chimeres", bewaffente Anhänger Aristides, hinter den Schüssen. Soldaten der Friedenstruppen waren nicht in der Nähe.

Die Kundgebung vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Port-au-Prince, auf der ein Prozess gegen den gestürzten Staatschef gefordert wurde, stand unter dem Schutz von Polizisten, US-Marineinfanteristen und französischen Fremdenlegionären. Die Soldaten bestätigten zwar, dass es Opfer gab, wollten aber keine Einzelheiten nennen. Eine ebenfalls für Sonntag geplante Gegenkundgebung von Anhängern des Ex-Präsidenten wurde aus Angst vor Zusammenstößen kurzfristig abgesagt.

Die Demonstranten forderten auf Transparenten: "Aristide vor Gericht. Aristide ins Gefängnis!" Sie forderten auch die Festnahme von Ministerpräsident Yvon Neptune und anderer Vertreter der Regierung Aristide. Nach den Schüssen liefen die Menschen davon und suchten Schutz. US-Soldaten halfen mindestens sechs Verletzten, von denen einige offenbar Schusswunden hatten.

Volksfeststimmung wurde getrübt
Der Oppositionssprecher Charles Baker machte in einer ersten Reaktion den noch amtierenden Premierminister Neptune für den Anschlag politisch verantwortlich. Die Kundgebung am Sonntag war die erste öffentliche Veranstaltung des Oppositionsbündnisses Demokratische Plattform seit dem Sturz Aristides. Bis zum Augenblick des Anschlags herrschte ausgelassene Volksfeststimmung.

Aristide-Anhänger hatten bereits am Freitag zum Teil bewaffnet für eine Rückkehr Aristides demonstriert. Dieser meldete sich am Sonntag in seinem Exil in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik erstmals seit einer Woche wieder zu Wort. Er ließ allerdings nur mitteilen, dass es ihm gut gehe und dass er sich zu gegebener Zeit den Fragen der Reporter stellen werde. Bei der Verlesung der Erklärung war er selbst nicht zugegen, sondern nur seine Frau Mildred, die sich aber nicht äußerte.

Suche nach einem neuen Ministerpräsidenten
Unterdessen begann eine Kommission mit der Suche nach einem neuen Ministerpräsidenten. Eine Entscheidung solle vermutlich Anfang der Woche fallen, teilte ein Mitglied des Mehrparteiengremiums mit. Die am Freitag ernannten sieben Mitglieder des "Rates der Weisen", der einen neuen Regierungschef für den Karibikstaat vorschlagen soll, begannen am Samstag mit ihren Beratungen und setzten diese am Sonntag fort. Als aussichtsreicher Kandidat gilt der Geschäftsmann und frühere Regierungschef Smarck Michel.

Rebellenführer Guy Philippe sprach sich derweil für eine Wiedereinführung der 1995 aufgelösten Streitkräfte des Landes aus. Er habe mit dem Sammeln von Unterschriften dafür begonnen, sagte er. Aristide hatte die Armee 1995 aufgelöst, die ihn vier Jahre zuvor mit einem Putsch aus dem Amt getrieben hatte. Viele von Philippes Kämpfern betonten am Samstag nochmals, sie wollten ihre Waffen nicht abgeben, solange nicht auch die Anhänger Aristides entwaffnet seien.

Der Ausfall des Stroms für den Betrieb der Kühlaggregate führte unterdessen in der Leichenhalle von Port-au-Prince zu katastrophalen Zuständen. Dort stapelten sich am Sonntag die Leichen von mehr als 200 Menschen. Um die in der Innenstadt gelegenen Leichenhalle herum machte sich Verwesungsgeruch breit. Um die Leichen herum schwirren Fliegen. Unter den Toten sind auch Säuglinge, die an Unterernährung gestorben sind. Die letzten Leichen, zwei Männer mit Schusswunden, seien am Freitag angeliefert worden, sagte ein Mitarbeiter der Leichenhalle.
(apa/red)

7.3.2004 14:16