Montag, 1. März 2004

Haiti: Rebellen ziehen in Port-au-Prince ein

  • UN entsenden internationale Eingreiftruppe
  • Aristide in Zentralafrika eingetroffen

Einen Tag nach der Flucht von Präsident Jean-Bertrand Aristide sind am Montag die Rebellen in die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince einzogen. Der vom ehemaligen stellvertretenden Polizeichef Guy Philippe angeführte Konvoi wurde in der Innenstadt von jubelnden Einwohnern empfangen. Die Vereinten Nationen kündigten unterdessen die Entsendung einer internationalen Eingreiftruppe nach Haiti an, um die Ordnung wiederherzustellen.

Einwohner von Port-au-Prince tanzten in den Straßen und liefen neben den Fahrzeugen der Rebellen her. Der Konvoi von mehr als 70 Aufständischen war am Morgen in der westhaitianischen Stadt Gonaives losgefahren, wo der Aufstand vor mehr als drei Wochen begonnen hatte. Philippe sagte der Nachrichtenagentur AP, seine Männer wollten den Palast für den neuen Präsidenten sichern. Er bezog sich damit auf den Interimspräsidenten Boniface Alexandre, der am Sonntag erklärt hatte, er werde vorläufig Haiti regieren.

UN-Eingreiftruppe
Der UN-Sicherheitsrat beschloss am Sonntagabend in New York einstimmig die Stationierung der Eingreiftruppe für Haiti. Am Montag landeten zunächst rund 200 US-Marineinfanteristen. Frankreich entsandte knapp 300 Soldaten und Polizisten. US-Außenminister Colin Powell sagte, wahrscheinlich gehe es insgesamt um die Entsendung von einigen hundert Soldaten. Er rechne nicht mit schweren Kämpfen, die Truppen seien jedoch vorbereitet.

Zur Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit übernahmen US-Soldaten insbesondere Schlüsseleinrichtungen in Port-au-Prince, wie der Kommandant der US-Marineinfanteristen, Oberst Dave Berger, in der haitianischen Hauptstadt sagte. Seine Einheit bereite die Ankunft der am Sonntag vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen UN-Truppe vor.

Die französischen Soldaten sollten insbesondere französische Einrichtungen wie die Botschaft beschützen. Auch kanadische Elitesoldaten patrouillierten am Flughafen von Port-au-Prince. Von dort wurden rund 130 in Haiti lebende Ausländer in die Dominikanische Republik ausgeflogen.

Der Auftrag der internationalen Eingreiftruppe für Haiti ist laut der UN-Resolution die Wiederherstellung von Stabilität und Ordnung. UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte, ihm sei bewusst, dass manche Haitianer denken könnten, die Hilfe komme etwas spät. "Aber es ist immer besser spät als nie, und wir werden alles tun, um ihnen zu helfen", versicherte Annan.

Der Sprecher des französischen Verteidigungs-Ministeriums, Jean-Francois Bureau, sagte, die erste Aufgabe der französischen Soldaten sei es, für die Sicherheit westlicher Ausländer in Haiti zu sorgen. Sie könnten sich auch am Schutz der Infrastruktur beteiligen. Frankreich kündigte auch humanitäre Hilfe für das Land an.

Aristide in Zentralafrika
Aristide traf am Montag in Zentralafrika ein. "Mit meinem Sturz haben sie den Baum des Friedens gefällt", sagte er in einer Radioansprache nach seiner Ankunft. "Aber er wird wieder wachsen, weil seine Wurzeln stark sind." In seiner ersten Rede seit seinem Rücktritt erwähnte Aristide eine mögliche Rückkehr nach Haiti nicht.

Der staatliche Rundfunk in Bangui berichtete, Aristide werde einige Tage im Land bleiben und dann möglicherweise nach Südafrika weiterreisen. Der stellvertretende südafrikanische Außenminister Asis Pahad erklärte, er glaube nicht, dass Aristide Asyl in seinem Land beantragt habe. Im Prinzip habe Südafrika jedoch keine Einwände dagegen.

Aus US-Regierungskreisen verlautete, Aristide habe sich möglicherweise zum Rückzug entschlossen, nachdem ihm klar geworden sei, dass die USA ihn nicht vor den Angriffen der Rebellen schützen würden.

In Port-au-Prince war es am Sonntag nach dem Bekanntwerden von Aristides Ausreise zu Plünderungen gekommen. Mehr als 3.000 Häftlinge wurden aus dem Staatsgefängnis befreit. Am Nachmittag griff die Polizei ein, und die Gewalt ließ nach.
(apa, red)

1.3.2004 17:28