Donnerstag, 26. Februar 2004

Job-Migranten aus Beitrittsländern: EU erwartet 220.000 im Jahr

  • Kommissarin: Ängste vor großer Zuwanderungswelle unbegründet

Die EU-Kommission rechnet mit jährlich insgesamt 220.000 Arbeitssuchenden aus den Beitrittsländern, die in die "alten" Mitgliedstaaten auswandern werden. Aus einer am Donnerstag in Brüssel veröffentlichten Studie der Kommission und der "Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen" geht hervor, dass die Abwanderung aus den Beitrittsländern während der nächsten fünf Jahre "selbst bei uneingeschränkter Freizügigkeit voraussichtlich etwa ein Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter der neuen Mitgliedstaaten ausmachen wird".

"Diese Studie bestätigt die Einschätzung der Europäischen Kommission, dass sich die Ängste vor einer großen Zuwanderungswelle aus den neuen Mitgliedstaaten nach dem 1. Mai 2004 als unbegründet erweisen werden", sagte die geschäftsführende EU-Sozialkommissarin Margot Wallström. "Aus den neuen Mitgliedstaaten wird ein dringend benötigter Input an hoch qualifizierten Arbeitskräften kommen, die aktiv zur Entwicklung der europäischen Wirtschaft beitragen können."

Von den derzeit 15 EU-Staaten haben 13, darunter auch Österreich, Restriktionen für Arbeitssuchende aus Osteuropa im Rahmen der bei den Beitrittsverhandlungen vereinbarten Übergangsfristen von bis zu sieben Jahren angekündigt. Großbritannien will den Zuzug von Arbeitnehmern nach der EU-Erweiterung am 1. Mai mit einem eigenen Register kontrollieren und den Anspruch auf Sozialleistungen einschränken. Lediglich in Irland soll mit der EU-Erweiterung volle Freizügigkeit gelten.

Ein Sprecher von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagte am Donnerstag, die Einschränkungen seien "nicht im Geiste der Erweiterung". Befürchtungen über einen Ansturm von Arbeitskräften aus den Beitrittsländern wären durch Tatsachen nicht gedeckt. Die Kommission werde weiterhin prüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen in Einklang mit EU-Recht seien.

Der Studie zufolge ist der typische potenzielle Abwanderer aus den beitretenden Ländern jung, allein stehend und hat einen Hochschulabschluss. Tendenziell sind immer mehr potenzielle Abwanderer weiblich. In den Beitrittsländern selbst besteht demnach das ernsthafte Risiko eines "Brain Drain", einer Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Mehr als ein Drittel von jenen, die ihre feste Absicht bekundeten, abzuwandern, sind Studenten. Die Studie gibt keine Auskunft über die angepeilten Zielländer der Migranten, erklärte eine Kommissionssprecherin.

Arbeitslosigkeit hat laut der Studie einen geringeren Einfluss auf die Abwanderung als ursprünglich angenommen. Nur zwei Prozent der befragten Arbeitslosen äußerten die feste Absicht, ihre Heimat zu verlassen, darunter vor allem allein stehende Personen.

"Das Dilemma besteht darin, dass die Mobilität der Arbeitnehmer zwar im Ganzen gesehen für das Wirtschaftswachstum und die Kohäsion der EU-Regionen von Nutzen ist, dass der soziale Zusammenhalt auf lokaler Ebene jedoch hierdurch unter Druck geraten könnte."

Die EU-Studie stützt sich auf die Ergebnisse einer im Auftrag der EU-Kommission durchgeführten Eurobarometer-Umfrage.
(apa, red)

26.2.2004 15:04