Freitag, 27. Februar 2004

Lauschangriff bei UNO: Skandal weitet sich aus

  • Neben Annan sollen auch Blix und Butler ausspioniert worden sein
  • Vermutlich auch Boutros-Ghali betroffen

Der Skandal um mutmaßliche Abhöraktionen bei den Vereinten Nationen weitet sich aus. Neben UN-Generalsekretär Kofi Annan seien weitere Spitzenfunktionäre systematisch von westlichen Geheimdiensten ausspioniert worden, berichtete der australische Sender ABC am Freitag. Die Telefongespräche der früheren Waffeninspektoren im Irak, Richard Butler und Hans Blix, seien abgehört worden.

In der Affäre hat sich am Freitag auch der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali zu Wort gemeldet. Ihm sei bereits am Tag seines Amtsantritts gesagt worden, dass sein Büro und seine Wohnung abgehört würden, sagte Boutros-Ghali in einem BBC-Interview am Freitag. Daher hätten ihn die Enthüllungen der ehemaligen britischen Entwicklungshilfeministerin Clare Short nicht überrascht. Abgehört worden sei er nach seinen Informationen von den Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats und anderen Ländern, die dazu in der Lage gewesen seien. Boutros-Ghali stand von 1992 bis 1996 an der Spitze der Vereinten Nationen.

ABC berichtete unter Berufung auf australische Geheimdienstquellen, die Abhörprotokolle seien den Regierungen der USA, Australiens, Kanadas, Großbritanniens und Neuseelands zugänglich gemacht worden. "Jedes Mal, wenn Blix in den Irak kam, wurde sein Telefon abgehört. Die Gespräche wurden aufgezeichnet", sagte ABC-Journalist Andrew Fowler. Wer demnach Blix' Mobiltelefon anzapfte, sagte er nicht. Das australische Justizministerium lehnte eine Stellungnahme ab.

Butler erklärt, ihm sei klar gewesen, dass sein Büro in New York verwanzt gewesen sei. "Wir sind in eine Situation gebracht worden, in der es einfach dumm gewesen wäre zu glauben, wir könnten in unseren Büros ernsthafte Gespräche führen", sagte der frühere Waffeninspektor der Nachrichtenagentur AP. Um vertrauliche Gespräche führen zu können, sei er im nahe gelegenen Central Park spazieren gegangen. Er selbst habe auch Abhörprotokolle von Gesprächen anderer Personen erhalten, "um meinen Job, die Entwaffnung des Iraks, erledigen zu können", sagte Butler, der von 1997 bis 1999 Leiter der UN-Waffeninspektoren war.

Angaben über den Urheber der Abhöraktionen wollte Butler nicht machen. Zuvor hatte er in dem Zusammenhang aber auf mindestens vier ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hingewiesen: die USA, Großbritannien, Frankreich und Russland. Als er mit seinem Team im Irak eingetroffen sei, sei die dortige Regierung bereits über die geplanten Aktivitäten der Kontrollore informiert gewesen. "Sie haben im Voraus Hinweise darauf erhalten, wohin wir gehen wollen und was wir vorhatten", sagte Butler.

Am Donnerstag hatte die frühere britische Entwicklungsministerin Clare Short der BBC gesagt, Annan sei vor dem Irak-Krieg systematisch ausspioniert worden. Sie habe seinerzeit selbst Mitschriften von Gesprächen Annans gelesen. Die Vereinten Nation reagierten besorgt. "Wir wären sehr enttäuscht, wenn das wahr wäre", erklärte UN-Sprecher Fred Eckhard. Die Spionage sei illegal und Annan wolle, dass diese sofort beendet werde, da seine Arbeit dadurch unterwandert werde.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali erklärte, er habe während seiner Amtszeit stets vermutet, Ziel von Lauschangriffen zu sein. Shorts Erklärung habe ihn nicht überrascht, da er bereits zu seinem Amtsantritt vor Abhöraktionen gewarnt worden sei, sagte Boutros-Ghali dem britischen Rundfunksender BBC. Er sprach sich für einen strengeren Abhörschutz für den UN-Generalsekretär aus.

Auch der frühere britische UN-Botschafter Crispin Tickell sagte, es würde ihn nicht überraschen, wenn das UN-Hauptquartier Ziel von Spionageaktionen wäre. Zu der Frage, ob Shorts Vorwürfe zutreffen, wollte sich Tickell in einem BBC-Interview jedoch nicht äußern. (apa)

27.2.2004 12:35