Mittwoch, 25. Februar 2004

1. Prozess-Tag: Dutroux schlief bei Verhandlung ein!

  • Verhandlung acht Jahre nach den Verbrechen. Der Monster-Akt ist 440.000 Seiten dick
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Marc Dutroux: Angeklagt wegen Mordes, Vergewaltigung, Entführung von Kindern. Gleich am ersten Prozess-Tag am 1. März in Belgien schlief der 47-Jährige ein! Bei der Wahl der Geschworenen... Die Monster-Verhandlung wird von enormen Sicherheitsmaßnahmen begleitet: Strenge Kontrollen, Dutroux wird durch Panzerglas geschützt. Im Prozess geht es um den schlimmsten Fall von Kindesmissbrauch, den Belgien bisher erlebt hat. Pannen und Skandale überschatteten die Ermittlungen, zwei Minister mussten zurücktreten!

Rund acht Jahre nach dem qualvollen Tod vier entführter Mädchen hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Kinderschänder begonnen.

Der bereits als Kinderschänder vorbestrafte Dutroux ist angeklagt, Mitte der Neunziger sechs Mädchen im Alter von acht bis 19 Jahren entführt und misshandelt zu haben. Zwei Mädchen wurden lebend aus einem Kellerverlies in seinem Haus befreit. Vier der Opfer starben während ihrer Gefangenschaft. Außerdem wird Dutroux die Ermordung eines Komplizen, Drogenhandel und Bandenbildung zur Last gelegt.

Dutroux schlief am 1. Prozess-Tag ein!
Das Verfahren begann mit der Auswahl von zwölf Geschworenen und ihren Stellvertretern aus 180 Kandidaten. Sie sollen zusammen mit drei Berufsrichtern in einigen Wochen das Urteil fällen. Der Hauptangeklagte fiel während der Geschworenen-Wahl vorübergehend in Schlaf und wurde vom Vorsitzenden Richter Stephane Goux zur Ordnung gerufen.

Erste Fragen an Dutroux
Der Vorsitzende Richter Goux fragte Dutroux nach seiner Identität. Der 47-Jährige antwortete lakonisch "Ich heiße Marc Dutroux." Auf die Frage nach seinem Beruf gab Dutroux zu Protokoll: "Ich habe keinen." Das Verfahren begann am Montag um 9.40 Uhr. Die 40-minütige Verspätung erklärte Gerichtspräsident Goux mit "Sicherheitsgründen".

Streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit waren Dutroux und zwei Mitangeklagte bereits rund zweieinhalb Stunden vor Prozessbeginn aus dem nahen Gefängnis von Arlon in das Gerichtsgebäude gebracht worden. Der 47-Jährige lehnte es ab, im Verhandlungssaal gefilmt oder fotografiert zu werden. Der vierte Beschuldigte, Michel Nihoul, ist nicht für die Dauer des Prozesses inhaftiert.

Der Rechtsanwalt Jan Fermon, der das befreite Dutroux-Opfer Laetitia Delhez vertritt, formulierte hohe Erwartungen an das Verfahren: "Laetitia erwartet Antworten auf das Wie und das Warum" ihrer Entführung vor fast acht Jahren. Noch mehr als bei den geretteten Mädchen liegen für die Eltern der getöteten Kinder die Umstände der Entführungen im Dunkeln.

Anwalt Fermon rechnet damit, dass die Richter und Geschworenen trotz der breiten Diskussion des Falls in der belgischen Öffentlichkeit unabhängig ihr Urteil fällen werden. "Sobald die Geschworenen auf ihren Plätzen sitzen - das ist meine Erfahrung als Anwalt in Schwurgerichtsverfahren - werden sie sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren", sagte der Nebenklagevertreter.

Sicherheitsbehörden involviert?
Es kam zu neuen Spekulationen über einflussreiche Hintermänner. Der Fernsehsender VTM berichtete über einen Brief Dutroux', in dem der Hauptangeklagte Angaben über ein kriminelles Netzwerk mit Verbindungen zu Sicherheitsbehörden macht. Der mitangeklagte Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul soll dabei als Kontakt gedient haben.

Dutroux bestreitet Morde
Die Morde an den Mädchen streitet Dutroux ab. Zugegeben hat er, seinen Komplizen Bernard Weinstein umgebracht zu haben. Kurz nach Dutroux' Festnahme im August 1996 konnten Sabine und Laetitia lebend aus einem Kellerverließ in seinem Haus bei Charleroi befreit werden. Beide Opfer wollen in dem Prozess aussagen. Insgesamt haben Anklage und Verteidigung 490 Zeugen vorgeladen.

Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments kam zu dem Schluss, dass Julie und Melissa hätten gerettet werden können, wenn die Behörden sorgfältiger gearbeitet hätten. Dutroux war der Polizei bereits als Kinderschänder bekannt. 1989 wurde er wegen Vergewaltigung von fünf Mädchen zu 13 Jahren Haft verurteilt, kam wegen guter Führung aber nach drei Jahren frei. Die Pannen lösten Massenproteste aus, nach einem Fluchtversuch Dutroux' im April 1998 mussten zwei Minister zurücktreten.
(apa/red)

25.2.2004 15:34