Mittwoch, 18. Februar 2004

Homepage-Affäre: Grassers Systemfehler

  • Im NEWS-Interview gibt der Finanzminister erstmals Fehler zu.
  • Grassers Einsicht: „Würde heute anders handeln.“

Die Nervenschlacht: Wie Grasser ums Amt kämpft, warum er die Strategie wechselt und wann er stürzen könnte.

Vielleicht ergeht es ihm ja wirklich wie dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, einfach nicht mehr loswird. Und doch scheinen die bösen Geister Wirkung zu zeigen: Karl-Heinz Grasser, jener „Lieblingsschwiegersohn“ der Nation, der als jüngster Finanzminister in die Wiener Himmelpfortgasse einzog, um den Österreichern das Sparen und Jörg Haider das Fürchten beizubringen, übt erstmals nach acht Monaten – in denen es Vorwürfe, gerichtliche Vorerhebungen, Rechnungshofuntersuchung und Rücktrittsaufforderungen hagelte – Selbstkritik in Sachen „Homepage-Affäre“:

Grasser gibt Fehler zu. „Es ist rechtlich alles einwandfrei. Aber ich sehe ein, dass es in der Politik natürlich auch um Optik geht. Das Bild ist sicher kein gutes.“ Und der 35-Jährige – einst von allen Medien als „Mister Nulldefizit“ gefeiert – gibt in diesem NEWS-Interview erstmals Fehler zu: „Ich würde dem Verein nicht mehr raten, Geld von der Industriellenvereinigung anzunehmen. Und ich würde mit dem Wissen von heute auch nicht mehr als Leitfigur für die Homepage zur Verfügung stehen.“

Der Strategiewechsel. Doch warum ändert der Kärntner Überflieger, der zuletzt schweigend alle Vorwürfe an sich abperlen ließ, so plötzlich seine Strategie? Warum zeigt quasi über Nacht der ehemalige Umfragenkaiser, den etwa „Presse“-Chefredakteur Andreas Unterberger als „präpotent und arrogant“ beschreibt, dass ihn das „natürlich sehr belastet und nicht spurlos an mir vorübergeht“? Vielleicht hat er ja von jenem New Yorker Bürgermeister gehört, der in den 70ern als Höhenflieger begann, in seiner Amtszeit alles falsch machte, um im Wahlkampf als „gekreuzigter Jesus“ mit dem Slogan „Sorry, I did it all wrong. Please give me one more chance“ zu werben – und dann auch noch die Wahl fulminant zu gewinnen. Ein Appell an die Menschlichkeit der Wähler, die ihn einst so geliebt hatten und jetzt, sagt Grasser selbst, „natürlich irritiert sind. Das wäre ich auch.“

Neue Vorwürfe. Ob diese Argumentation auch Rechnungshofpräsident Franz Fiedler genügt, der aus eigenem Antrieb nun den Grasser-Steuerbescheid prüft, und Opposition, Medien und Staatsanwaltschaft, die alle Geldflüsse im Grasser-Umfeld untersucht, ruhig stellt, bleibt abzuwarten. Vor allem da Woche für Woche neue Fakten auftauchen: Die Staatsanwaltschaft kann inzwischen, wie NEWS enthüllt, nachweisen, dass Grasser entgegen seiner Aussagen im Parlament sehr wohl ein Regierungsinserat in Auftrag gab. Und zu allem Überfluss wird wohl Grasser demnächst höchstpersönlich vor den U-Richter zitiert.

Grassers neues Gesicht. Der Finanzminister zeigt via NEWS jedenfalls ein bislang der Öffentlichkeit unbekanntes Gesicht. Immerhin gibt Grasser, der von sich selbst gerne erzählt, „360 Tage von 365 gut aufgelegt zu sein“, jetzt den Nachdenklichen, ein Bild, das so gar nicht zum medial bisher via Powerplay vermarkteten Überflieger-Image passt. Doch wie konnte Grasser, der mit 24 Jahren jüngster Landeshauptmannvize war und mit 31 jüngster Finanzminister wurde, überhaupt in diesen Strudel von Anschuldigungen und Kalamitäten kommen? Schrammt er etwa wirklich „knapp an der Korruption vorbei“, wie etwa Grünen-Chef Alexander Van der Bellen glaubt? Oder ist er bloß in die „Fänge schlechter Berater“ geraten und droht an seiner eigenen „Naivität“ zu scheitern, wie ein Grasser-Freund mutmaßt? Oder ist er einfach wie einst Hannes Androsch in seine eigene Falle des „Anything goes“ getappt?

Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS

PLUS: Grasser im NEWS-Exklusiv-Interview: „Ich bin nicht fehlerlos. Habe Lehren gezogen.“
PLUS: Das Netzwerk. Grassers „Homepage-Connection“.
PLUS: Experten: „Die Stimmung ist gekippt“
PLUS: Staatsanwalt: „Lückenlose Klärung“
PLUS: Prüfungsergebnis vielleicht schon im Sommer

18.2.2004 15:19