Freitag, 20. Februar 2004

YLine-Pleite: 36 Mio.Euro neuer Schaden und IBM als Joker

  • YLine soll bei Firmenzukäufen das 10 bis 20fache des Marktwerts bezahlt haben

Der Bilanzskandal um die insolvente YLine weitet sich aus. Zweieinhalb Jahre nach der Pleite der Wiener Internetfirma rund um Firmengründer Werner Böhm hat ein Gutachten im Auftrag des Masseverwalters jetzt weitere Schäden durch die frührere Unternehmensführung im Ausmaß von mindestens 36 Mio. Euro aufgedeckt.

Zumindest um diese Summe soll YLine für übernommene Firmen zu viel bezahlt haben - warum, ist offen. Der Masseverwalter hat jedenfalls bereits neue Klagen gegen einzelne Verkäufer, Wirtschaftsprüfer und die YLine-Vorstände eingebracht, geht aus einem Schreiben an die Gläubiger hervor.

Böhm bestreitet die Vorwürfe. Er ist der Überzeugung, einen marktüblichen Betrag bezahlt zu haben. Der frühere Firmenchef hat bereits Ende Dezember einen Zwangsausgleich gestellt. Gelingt der Zwangsausgleich, werden die laufenden Untersuchungen im Rahmen des Zivilrechtsverfahrens eingestellt. Eine Entscheidung fällt zwischen Ende März und Anfang Juni.

Abgewickelt worden sind die YLine-Käufe seinerzeit durch Sacheinlagen. Für die Einbringung der Firmen haben die Verkäufer neu ausgegebene YLine-Aktien erhalten. Nach Abwicklung der Deals dürften die jungen Aktien großteils wieder relativ rasch über die Börse verkauft und damit zu Geld gemacht worden sein. Ihr Rekordhoch hatte die YLine-Aktie im März 2000 mit 278 Euro erreicht. Kurz vor dem Konkurs 2001 war die YLine-Aktie nur noch 60 Cent wert.

Abgeschlossen sind die Gutachten, durch die die zu hohen Akquisitionsvolumen belegt werden sollen, bereits für die Firmen WebLine Internet-Service GmbH, YLine Web Access Service AG und Primus Service Group GmbH. Für diese Unternehmen soll YLine das Zehn- bis Zwanzigfache des eigentlichen Werts - in Summe eben 36 Mio. Euro zu viel - bezahlt haben, hieß es aus Gläubigerkreisen zur APA.

Gutachten über weitere YLine-Erwerbungen - darunter auch die Firma FirstInEx, an der bis zum Verkauf an YLine auch der Vater von Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Karl Grasser, mit 0,73 Prozent beteiligt war - sind demnach aber noch in Arbeit. Die Schadenssumme könnte dadurch noch weiter steigen, so die Kreise.

Von den YLine-Vorständen fordert der Masseverwalter laut einer Stellungnahme an die Gläubiger außerdem Prämien zurück. In Summe geht es dabei um einen Betrag von 900.000 Euro. Auch gegen den ehemaligen YLine-Aufsichtsrat prüft der Masseverwalter laut Stellungnahme weitere Rückzahlungsansprüche:

Ein Zwangsausgleich könnte diesen Untersuchungen in den kommenden Wochen aber nun ein jähes Ende bereiten. Ob der Zwangausgleich durchgeht, hängt jetzt alleine an IBM. Um die Jahrtausendwende hatte IBM Österreich rund 35.000 Computer an YLine geliefert. Rund 16 Mio. Euro dafür sind noch offen.

Bisher hat IBM für diese Summe aber keine Feststellungslage eingereicht, sprich den Betrag nicht verbindlich eingefordert, warum ist unklar. Ein Sprecher des Konzerns meinte am Freitag nur knapp: "Wir können ein laufendes Verfahren nicht kommentieren." Brächte der Konzern seine Forderungen ein, hätte er voraussichtlich Anspruch auf rund 75 Prozent der verbliebenen Masse - je nachdem, wie viel der Masseverwalter noch einbringt, ein Betrag zwischen 1,8 und 30 Mio Euro. Fordert IBM die offenen 16 Mio. Euro nicht ein, ginge der Zwangsausgleich durch, IBM ginge dann leer aus und die Untersuchungen würden eingestellt.

Ungeachtet dessen weitergeführt würde lediglich das Strafverfahren. Dabei wird seit kurzem auch wegen des Verdachts auf Insiderhandels ermittelt. Wie die Finanzmarktaufsicht FMA am Freitag bestätigte, wurde bei der Staatsanwaltschaft eine entsprechende Anzeige nicht nur gegen die früheren YLine-Vorstände, sondern auch gegen die Aufsichtsräte eingebracht.

Rechtsanwalt Peter Zach, Vorstand der Privatstiftung des früheren YLine-Aufsichtsratschefs und steirischen Industriellen Ernst Hofmann, bestreitet die Vorwürfe gegen die Kontrollorgane jedoch: Ein Gutachten des Wirtschaftsprüfers Thomas Keppert belege, dass nur der Vorstand, aber nicht der Aufsichtsrat schon frühzeitig wussten, dass YLine zahlungsunfähig sei.

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft in der Causa YLine dem Vernehmen nach bereits gegen 22 Personen. Geprüft wird auch der Verdacht auf fahrlässige Krida, Bilanzfälschung, schweren Betrug und Untreue.

Das Internetunternehmen hatte Mitte 2001 Konkurs angemeldet, seither haben Gläubiger Forderungen in Höhe von rund 52 Mio. Euro (Stand 16.12.2003) angemeldet. Davon anerkannt hat der Masseverwalter lediglich 4,7 Mio. Euro - im wesentlichen Forderungen von Kleinaktionären - sowie Forderungen des Finanzamts, voraussichtlich rund 3,4 Mio. Euro, wobei der genaue Betrag noch überprüft wird. Dem steht nach dem Verkauf der PC und Büromöbel - und noch vor den nunmehrigen Forderungen des Masseverwalters - ein verbliebenes Firmenvermögen von 2,4 Mio. Euro gegenüber.
(apa, red)

20.2.2004 16:26