Montag, 16. Februar 2004

Handel um Yukos: Kontrolle im Tausch gegen Haftentlassung!

  • Yukos-Hauptaktionäre zur Abgabe von Kontrolle bereit
  • Alle sechs Hauptaktionäre stehen im Visier der Staatsanwaltschaft

Im Machtkampf um den russischen Ölkonzern Yukos hat einer der Hauptaktionäre Bereitschaft signalisiert, mit seinen Partnern unter bestimmten Bedingungen die Kontrolle über das Unternehmen abzugeben. Voraussetzung sei die Haftentlassung des Ex-Konzernchefs und Yukos-Großaktionär Michail Chodorkowski, sagte Yukos-Aktionär Leonid Newslin, der selbst ein enger Geschäftspartner von Chodorkowski ist.

Er richtete schwere Vorwürfe an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Newslin hielt den Behörden vor, die Kontrolle über Yukos erlangen zu wollen und dazu Chodorkowski als Geisel zu halten.

"Wir stellen sie vor die Wahl: Lasst die Geiseln frei, und wir sind bereit, darüber zu sprechen, die Kontrolle abzugeben", sagte Newslin. Er deutete aber an, dass er und seine Partner nicht an einen Verkauf ihrer Finanzbeteiligung an Yukos denken. "Wir können Portfolio-Investoren bleiben", sagte Newslin.

Außer Chodorkowski und Newslin gehören vier weitere Männer zum Kreis der Yukos-Hauptaktionäre: Platon Lebedew, Wladimir Dubow, Michail Brudno und Wasili Schachnowski. Die sechs Geschäftsleute haben die Kontrolle über die Industriegruppe Menatep, die 61 Prozent an Yukos kontrolliert. Chodorkowski ist mit einem Anteil von 9,5 Prozent größter Yukos-Aktionär und verfügt allein über einen 50-Prozent-Anteil an Menatep.

Die sechs Hauptaktionäre stehen im Visier der russischen Staatsanwaltschaft. Ihre Yukos-Anteile waren von den Strafverfolgern im vergangenen Jahr fast komplett eingefroren worden. Chodorkowski wurde im Oktober unter dem Vorwurf des Betrugs und der Steuerhinterziehung festgenommen. Lebedew sitzt bereits seit Juli wegen ähnlicher Vorwürfe in Haft. Schachnowski war ebenfalls wegen Steuerhinterziehung zu einer einjährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Yukos-Konzern muss womöglich Steuerschulden in Höhe von drei Mrd. Dollar zahlen.

"Nach unserem Verständnis ist das letzte Ziel der Behörden, uns daran zu hindern, die Mehrheitsbeteiligung zu halten", sagte Newslin. "Wir sagen: Okay, darüber kann man sprechen." Nach Angaben Newslins üben die russischen Behörden über zahlreiche Mittelsmänner Druck auf die Hauptaktionäre aus. "Aber sie können uns nicht einfach enteignen. Das wird ein internationaler Skandal", warnte der Yukos-Anteilseigner im Telefon-Interview aus Israel. Dorthin war Newslin wie seine Partner Dubow und Brudno geflohen, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Die russischen Behörden haben die drei auf die Fahndungsliste von Interpol gesetzt.

Analysten werteten Newslins Äußerungen als Hinweis, dass die Hauptaktionäre im Streit mit der Regierung klein beigeben. "Die Erklärung kann als Zeichen der Kapitulation gesehen werden, was für den Aktienkurs von Yukos positiv wäre", sagte Waleri Nesterow vom Brokerhaus Troika Dialog. Die Papiere tendierten indes wenig verändert.

Viele sehen das Verfahren gegen Chodorkowski politisch motiviert, da der ehemalige Yukos-Chef selbst politische Ambitionen hatte erkennen lassen. Ihm war ein Interesse am Präsidentenamt bei der übernächsten Wahl nachgesagt worden, bei der Putin der Verfassung zufolge nicht wieder antreten könnte. Die Wiederwahl Putins bei der Präsidentenwahl am 14. März gilt als so gut wie sicher. Es wird zudem spekuliert, dass sich Chodorkowski den Ärger der Regierung zugezogen habe, weil er versucht habe, durch angebliche Stimmenkäufe im Parlament Pläne zu einer Erhöhung der Gewinnsteuern für Ölkonzerne zu vereiteln. (apa)

16.2.2004 16:33