Donnerstag, 19. Februar 2004

Große Angst: Juden fühlen sich in Europa zunehmend unsicher

  • Wiesel kritisiert "politischen Antisemitismus" gegen Staat Israel

Juden fühlen sich in Europa zunehmend unsicher. Viele Gemeinden lebten in Angst und fragten nur mehr, "wann" sie Europa verlassen sollten, sagte Friedensnobelpreisträger Wiesel in Brüssel bei einem Antisemitismus-Seminar. Täglich könne man in den Medien über Gewalt gegen Juden lesen. Dazu komme der "politische Antisemitismus" gegen den Staat Israel. Kritik sei erlaubt, entscheidend sei aber die Ausdrucksweise, so Wiesel.

Als Gegenmaßnahme gegen den Antisemitismus könne man nur auf Bildung zurückgreifen, betonte Wiesel. Es müsse ein "Krieg gegen den Antisemitismus" geführt werden, so Cobi Benatoff, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC). Denn "uns gelingt es nicht, unser tägliches Leben so zu führen wie andere". Dies sei eine "Botschaft des Alarms".

Es sei "erschütternd", dass ein Seminar zu Antisemitismus nötig sei, sagte der deutsche Außenminister Fischer. Aber solange Kindergärten, Schulen und Gebetshäuser der Juden von der Polizei geschützt werden müssen, sei der Antisemitismus noch nicht besiegt.

Kritik am Staat Israel müsse zulässig sein, dürfe dessen Existenz aber nicht in Frage stellen, sagte Fischer weiter. Es sei eine "nationale Angelegenheit", wenn Israel seine Bürger durch einen Zaun gegen Terrorismus schützen wolle. Die EU wolle diesen aber entlang der "Grünen Linie" zwischen Palästinensern und Israelis gebaut wissen.

Michel Friedman, früher Vizepräsident des deutschen Zentralrates der Juden und Vorsitzender des EJC, sagte, der Antisemitismus in Europa sei "salonfähiger und gewalttätiger" geworden. Friedman vertrat den Präsidenten der österreichischen Kultusgemeinde, Muzicant.

EU-Kommissionspräsident Prodi schlug in seinem Beitrag mehrere Maßnahmen gegen Antisemitismus vor. In der EU sollten sich Justiz- und Bildungsminister in Sondertreffen mit dem Thema beschäftigen. Auch hoffe er, dass die Vereinten Nationen bald eine Resolution gegen Antisemitismus annehmen werden. (apa)

19.2.2004 16:12