Sex-Vorwürfe gegen Caritas in Oberösterreich
- "Aufdecker": Es geht um Möglichkeit der Aufarbeitung für Opfer
- Caritas: Züchtigung war allgemein Teil eines Erziehungskonzepts
In der Affäre um angebliche Misshandlungen in Einrichtungen der Caritas OÖ gab es jetzt Klarstellungen und Präzisierungen von allen Beteiligten. Der "Aufdecker" betonte, es gehe ihm nicht darum, der Caritas zu schaden, sondern den Opfern die Möglichkeit zur Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu geben. Seitens der Caritas wurde eingeräumt, dass in den siebziger und achtziger Jahren die "Züchtigung" allgemein Teil eines bestimmten Erziehungskonzeptes gewesen sei, das sei aber Vergangenheit, "wer heute ein Kind haut, wird sofort entlassen", erklärte der Chef des Caritas-Kinderdorfs St. Isidor, Josef Bauer.
Jener ehemalige Caritas-Mitarbeiter, der durch sein Schreiben die Affäre ins Rollen gebracht und der selbst als Kind in St. Isidor gelebt hatte, berichtete davon, dass er "in den Jahren 1975 bis 1985" miterlebt habe, wie in manchen Häusern des Kinderdorfs die Buben und Mädchen von den offensichtlich überforderten Kinderdorfmüttern geschlagen worden seien, "mit dem Pracker und mit dem Bartwisch", erzählte der Mann im APA-Gespräch, "ich habe immer die Kinder schreien gehört, wenn sie geschlagen wurden".
Fälle von sexuellem Missbrauch habe es seines Wissens aber nicht gegeben, präzisierte der Ex-Caritas-Mitarbeiter. Der Fall jenes 17-jährigen Burschen, der in einer Sozialeinrichtung im Bezirk Eferding lebt und der - wie der "Aufdecker" in seinem Brief schrieb - "indirekt zur Prostitution gezwungen" worden sei, liege folgendermaßen: Es gehöre zum pädagogischen Konzept, dass der 17-Jährige nur dann in der Sozialeinrichtung wohnen darf, wenn er im Monat 21 Euro zahlt. "Der Bursch hat mir erzählt, dass er in Linz auf den Strich gegangen ist, um sich dieses Geld zu verdienen, er ist aber jedes Mal davongelaufen, nachdem ihm ein Freier Geld gab", berichtete der Mann im APA-Gespräch.
In seinem Schreiben hatte der Mann auch formuliert: "Nachweislich ist nun ein Mädchen aus St. Isidor an einer Überdosis verstorben, weil sie mit diesen Belastungen nicht mehr klar kam". Dazu sagte der "Aufdecker" am Dienstag, beim Opfer habe es sich um eine inzwischen 35-jährige Frau gehandelt, die vor Jahren in St. Isidor war. Im Februar 2003 starb sie in Wien an einer Überdosis Suchtgift.
Zum letztgenannten Fall erklärte Caritas-Direktor Matthias Mühlberger bei der Pressekonferenz, die an der Überdosis verstorbene Frau habe seit dem Jahr 1982 nicht mehr im Kinderdorf St. Isidor gelebt, ein Zusammenhang zwischen ihrem dortigen Aufenthalt und dem Drogentod sei daher nicht herstellbar. (apa, red)
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