Dienstag, 17. Februar 2004

Mord-Prozess in Graz: Behinderter Sohn war für Vater "narzisstische Kränkung"

  • Psychiater: "Mutter wollte intakte Familie"

Anklage: Mord. Wurde der 4-jährige Daniel von seinem Vater tot geprügelt? Ein Psychiater versuchte das Elend in der Familie zu erklären: Die Geburts des behinderten Sohnes wäre für den Vater eine "narzisstische Kränkung" gewesen. Warum sich die Kindesmutter nicht von ihm trennte: "Sie wollte eine intakte Familie".

Die mitangeklagte Karin B., Mutter des verstorbenen Daniel, wurde vom Gerichtspsychiater sowohl als zurechnungsfähig als auch als intelligent eingestuft. Warum sie dennoch nie etwas gegen die Angriffe ihres Lebensgefährten auf den behinderten Buben unternommen hatte, konnte der Sachverständige nur zum Teil erklären: "Sie hatte den Wunschtraum von einer intakten Familie", meinte er auf Befragung. Dies könne der Grund dafür sein, dass sie sich nie von ihrem immer wieder gewalttätigen Partner getrennt habe.

In der Wohnung, in der das Paar mit den fünf Kindern lebte, fanden sich nur wenige Spuren vom kleinen Daniel: Kein Foto von dem Kind, keine eigene Sparbüchse wie für die anderen Sprösslinge, nicht einmal sein Geburtstag war in jenem Kalender verzeichnet, in dem alle wichtigen Anlässe vermerkt waren. "Daniel war aus dem bewussten Leben der Familie ausgeklammert", beschrieb der Psychiater.

Zur Sprache kam einmal mehr, warum die Beschuldigte nicht vehementer versucht hatte, den Vierjährigen vor den Schlägen des Vaters zu schützen. Karin B. hatte angegeben, sie hatte Angst gehabt, dass H. die ganze Familie umbringen könnte. "Ist es eine normale Reaktion, dass sie denkt, soll er das kleine behinderte Kind umbringen, bevor er uns allen etwas antut?", hakte einer der beisitzenden Richter nach.

"Nein, sicher nicht", so der Sachverständige. "Warum stellte sie sich dann nicht stärker dazwischen?" - "Das ist nur zu erklären, wenn sie selbst keine ausreichende Mutterliebe entwickelt hat", so der Gutachter. (apa)

17.2.2004 13:57