Nächster Finanzskandal in Italien: "Konservenkönig" hinter Gittern
- Betrügerischer Bankrott bei Cirio? 40.000 Kleinanleger sollen um 1,1 Mrd. Euro geprellt worden sein. Ermittlungen gegen 27 Banker
Der nächste Finanzskandal in Italien! 6 Wochen nach der Festnahme von "Milchkönig" und Parmalat-Eigner Tanzi sitzt ein weiterer Nahrungsmittelproduzent hinter Gittern. Die Polizei in Rom verhaftete am Mittwoch den Ex-Präsidenten des insolventen Konservenherstellers Cirio, Sergio Cragnotti. Der Staatsanwalt vermutet betrügerischen Bankrott - 40.000 Kleinanleger sollen um 1,1 Mrd. Euro geprellt worden sein.
Der skandalumwitterte Finanzier, der bis Jänner 2003 an der Spitze des römischen Nahrungsmittelkonzerns gestanden war, wurde in seiner Villa in der toskanischen Nobelortschaft Montepulciano festgenommen.
Cragnotti zeigte sich nicht überrascht, als die Polizei vor den Toren seiner Luxusvilla stand. Seit Wochen kursierten Gerüchte über eine mögliche Festnahme des Industriellen wegen des Vorwurfs des betrügerischen Bankrotts. Inhaftiert wurden auch Cragnottis Sohn Andrea, der Schwiegersohn Filippo Fucile, während ein Vertrauensmann des Ex-Cirio-Bosses, Paolo Micolini, Präsident mehrerer Tochtergesellschaften des Konservenherstellers, unter Hausarrest gestellt wurde. Cragnottis Tochter Elisabetta wurde verboten, sich weiterhin als Unternehmerin zu betätigen.
Cragnotti, der vor einem Jahr die Führung des insolventen Konzerns verlassen hatte, soll mit der Emission von Cirio-Anleihen Tausende von Anlegern geprellt haben, behaupten die Staatsanwälte. Beim finanziellen Kollaps der Gruppe unter einem Schuldenberg von 1,6 Mrd. Euro hatten schätzungsweise 40.000 Kleinanleger über 1,1 Mrd. Euro verloren. Cirios Verschuldung hatte laut den Ermittlern im Jahr 2002 einen Höhepunkt von 1,8 Mrd. Euro erreicht. Unter dem Druck des Schuldenbergs hatte sich Cragnotti auch von seinem börsennotierten Fußball-Erstligisten Lazio Rom trennen müssen, für den seit über einem Jahr nach einem Käufer gesucht wurde.
Der "Konservenkönig" Cragnotti sei verhaftet worden, weil er für die Untersuchung wichtige Beweise unterschlagen könnte, hieß es. Vor allem Dokumente, die die Geschäfte der Off-Shore-Töchter der Gruppe betreffen, könnten verschwinden, meinen die römischen Ermittler, die die Verbindungen zwischen Cragnotti und einigen Gläubigerbanken seines Konzerns, darunter Capitalia, klären wollen. Die Verteidigerin des Industriellen, Giulia Bongiorno, bezeichnete dagegen die Festnahme als ungerechtfertigt.
In den Sumpf des Skandals um die Cirio-Insolvenz sind auch 27 Banker geraten, hieß es aus Ermittlerkreisen. Auf der "Schwarzen Liste" der Staatsanwälte steht unter anderen der prominente Banker Fabio Arpe, Manager der Abaxbank. Die Ermittler vermuten kriminelle Machenschaften hinter der Insolvenz des römischen Nahrungsmittel-Konzerns. Die Banken sollen Anleihen des Konzerns platziert haben, obwohl sie angeblich über die finanzielle Misere von Cirio Bescheid wussten.
In den vergangenen Tagen war der Mailänder Sitz der US-Investmentbank JP Morgan durchsucht worden, JP Morgan ist eines der Geldhäuser, das Cirio-Anleihen emittiert hatte. Die Tessiner Staatsanwaltschaft hatte zudem Dokumente über Cirio beschlagnahmt, die wichtige Aufschlüsse über die Geldströme des zusammengebrochenen Konservenkonzerns geben sollen. Im Zusammenhang mit dem Bankrott laufen vier parallele Untersuchungen in Rom, Mailand und Monza.
Auch um die Parmalat-Insolvenz laufen die Ermittlungen weiterhin auf Hochtouren. Für Eklat sorgte ein Bericht der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Mittwoch-Ausgabe), nach dem Firmengründer Tanzi den amtierenden Landwirtschaftsminister, Gianni Alemanno, belastet habe. Tanzi habe Alemanno als einen der Politiker bezeichnet, zu denen Parmalat enge Verbindungen pflegte. Der Minister zeigte sich über den "Corriere"-Bericht überrascht und forderte ein Treffen mit den ermittelnden Staatsanwälten. Seine Beziehungen zum Nahrungsmittelkonzern seien stets transparent gewesen. (APA)
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