Mittwoch, 28. Jänner 2004

Pharma-Übernahmepoker: Staats-Chefs schalten sich ein

  • Schröder will offenbar mit Chirac beraten
  • Aventis bangt bei Sanofi-Übernahme um 12.000 Jobs!

Müssen 12.000 Arbeitnehmer um ihre Jobs bangen? Im Übernahmepoker um den deutsch-französischen Pharmakonzern Aventis mischt jetzt offenbar auch die höchste politische Ebene mit. Der deutsche Bundeskanzler Schröder (S) will offenbar direkt mit dem französischen Staatspräsidenten Chirac beraten. Mittwoch Nachmittag kam der Aventis-Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Voraussichtlich wird er die Haltung des Vorstands unterstützen, das 48 Mrd. Euro schwere Übernahmeangebot abzulehnen. Eine Erklärung wird für den späten Nachmittag erwartet.

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sagte dazu am Mittwoch in Berlin, die Bundesregierung setze sich für den Erhalt des deutschen Aventis-Standortes und der 9.000 Arbeitsplätze ein. "Wir tun das erforderliche und mögliche auf allen Ebenen - mit den Unternehmensteilen wie mit den Regierungsteilen."

Die deutsche Regierung habe keine Möglichkeit, die feindliche Übernahme des deutsch-französischen Konzerns durch den französischen Konkurrenten Sanofi zu verhindern, unterstrich Clement. "Wir können keinen Einfluss darauf nehmen", da es sich um rein unternehmerische Entscheidungen handle. Berichte über die Suche nach einem "Weißen Ritter" - einem neuen Partner, der die drohende feindliche Übernahme von Aventis vereiteln könnte - seien von der Regierung daher zu Recht dementiert worden. Sehr wohl könne Berlin aber "unsere Interessen formulieren", so Clement. Das täten übrigens Mitglieder der französischen Regierung auch.

Er habe mit Schröder darüber gesprochen, wie dem Standort geholfen werden könne. Deshalb habe Berlin Kontakte zur Pariser Regierung aufgenommen. Über Details und eventuelle Ergebnisse wollte Clement weiter nichts mitteilen. Äußerungen des Sanofi-Vorstandes habe er entnommen, "dass das Thema angekommen ist". Es sei "besonders wichtig", dass alle Beteiligten dieses Beispiel für eine herausragende deutsch-französische Kooperation "wie ihren Augapfel" hüteten, sagte Clement.

"Handelsblatt" und "Financial Times Deutschland" berichteten am Mittwoch übereinstimmend, Schröder wolle mit Chirac telefonieren. Schröder wolle Aventis bei der möglichen Suche nach einem "weißen Ritter" gegen das feindliche Übernahmeangebot durch Sanofi unterstützen. Im Elysee-Palast hieß es lediglich, derzeit sei kein Telefonat zwischen beiden Politikern geplant.

Bei einer Übernahme von Aventis durch den kleineren Konkurrenten Sanofi wird der Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen vor allem in Deutschland befürchtet. Clement erklärte, Aventis sei ein hervorragendes Beispiel deutsch-französischer Unternehmenskultur und Zusammenarbeit. Deshalb sei es auch besonders wichtig, dass sich alle Beteiligten für den Erhalt des Unternehmens einsetzten.

Die französische Regierung betonte indessen, bei einem Zusammenschluss der beiden Pharmakonzerne würde "die Erhaltung der Arbeitsplätze berücksichtigt". Das verstehe sich bei einer Übernahme solchen Ausmaßes von selbst, sagte Regierungssprecher Jean-Francois Cope. Ähnlich äußerte sich heute der Sanofi-Vorstand Jean-Francois Dehecq. Bei einer erfolgreichen Übernahme würden die deutschen Aktivitäten auf längere Sicht ausgebaut. "Berichte über Entlassungen in Deutschland im großen Stil sind einfach nicht wahr und auch nicht logisch", sagte Dehecq. Nicht beantworten wollte er die Frage, ob es im Rahmen der Fusion in Deutschland kurzfristig zu Entlassungen kommen könne.

Die Aventis-Führung will versuchen, den Hauptaktionär Kuwait Petroleum (13,5 Prozent der Anteile) für eine gemeinsame Front gegen die Übernahmeattacke zu gewinnen. Wenn Kuwait mitmache, wäre es leichter, einen anderen Konzern als Retter zu gewinnen. Dieser "Weiße Ritter" könnte dann mit dem Erwerb von nur 37 Prozent der Anteile das Aventis-Kapital verriegeln und wäre nicht neuer Mehrheitseigner.

Kuwait Petroleum kaufte seine Aventis-Anteile 1999 für 61,95 Euro je Aktie. Das Angebot von Sanofi liegt bei 60,43 Euro. An der Pariser Börse wird spekuliert, dass Sanofi sein Angebot von 47 Mrd. Euro auf jeden Fall um 10 bis 15 Prozent erhöhen muss, um eine Erfolgschance zu haben. Seit dem Übernahmeangebot am Montag ist der Kurs der Sanofi-Aktie kräftig gefallen und der Aventis-Kurs gestiegen. Deswegen ist Aventis jetzt wieder mehr an der Börse wert als Sanofi. (APA/Red.)

28.1.2004 16:40