Montag, 19. Jänner 2004

Körperwelten: Staatsanwaltschaft prüft Herkunft der Leichen

  • Von Hagens soll Leichen von hingerichteten Chinesen verwendet haben
  • Ausstellung läuft derzeit in Frankfurt

Nach neuen Vorwürfen gegen den Leichenpräparator Gunther von Hagens prüft die Heidelberger Staatsanwaltschaft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. "Der Spiegel" hatte berichtet, Hagens kaufe entgegen eigenen Aussagen Leichen zur Präparation auf und habe in seiner Plastinationsfabrik in China offenbar auch die Überreste von Hinrichtungsopfern verarbeitet.

"Wir werden prüfen, ob ein Ermittlungsverfahren einzuleiten ist", sagte die Heidelberger Oberstaatsanwältin Elke O'Donoghue am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Sprecherin des Instituts für Plastination, das der Leichenpräparator in Heidelberg betreibt, wollte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie kündigte jedoch für voraussichtlich Donnerstag eine Pressekonferenz in Frankfurt an, wo Hagens' Leichenschau "Körperwelten" derzeit gezeigt wird. "Die Vorwürfe sind doch sehr schwer wiegend und vielfältig, daher brauchen wir für eine fundierte Stellungnahme entsprechend Zeit."

"Der Spiegel" hatte berichtet, Hagens' kaufe unter Missachtung internationaler Vereinbarungen vor allem in China in großem Stil Leichen auf. Er bekomme Tote von schlecht bezahlten Krankenhaus-Pathologen und korrupten Polizisten und habe bis Ende 2002 auch Hinrichtungsopfer zur Plastination verwendet. Diese Opfer seien durch ein Einschussloch im Kopf und eine zur Organentnahme geöffnete Bauchdecke klar zu erkennen gewesen. Nicht mehr verwertbare Überreste der Leichen würden als Sezierabfall mit Altchemikalien vermischt entsorgt oder in einem Krematorium verbrannt. Im November 2003 hätten in der Leichenfabrik im chinesischen Dalian 647 komplette Leichname gelagert, berichtete das Magazin.

Menschenrechtsorganisationen werfen den chinesischen Behörden seit Jahren Handel mit Organen hingerichteter Häftlinge vor. Zum Tod verurteilte Häftlinge würden "je nach Bedarf" exekutiert. Entnommene Organe würden zu hohen Preisen an ausländische Patienten verkauft.

Weiters Strafanzeige wegen Missbrauch des Professoren-Titels
Wegen des Missbrauchs von Titeln hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg gegen den umstrittenen Anatom Gunther von Hagens einen Strafbefehl beantragt. Über die Gesamthöhe der Geldstrafe von 120 Tagessätzen machte eine Sprecherin am Montag auf Nachfrage keine Angaben. Oberstaatsanwältin Elke O'Donoghue erklärte, dem Anatom werde zur Last gelegt, zwischen Anfang Februar 2002 und Mitte August 2003 in fünf Fällen Schriftstücke mit "Prof." oder "Professor" Dr. Gunther von Hagens unterzeichnet zu haben, obwohl er nicht berechtigt gewesen sei, den akademischen Grad eines Professors ohne Hinweis auf dessen Herkunft zu führen. Über den Erlass des beantragten Strafbefehls habe das Amtsgericht Heidelberg noch nicht entschieden. Die Staatsanwaltschaft war auf Grund einer Anzeige der Universität Heidelberg aktiv geworden. (APA/red)

19.1.2004 14:01