Donnerstag, 22. Jänner 2004

Kindergartenpflicht: Gusenbauer-Vorstoß verwirrt eigene Partei

  • Gusenbauer: Kinder sollten vor Schuleintritt Deutsch können
  • Kritik von FPÖ: "Krause Ideen"

Mit seinem Vorschlag einer Kindergartenpflicht für Zuwandererkinder hat SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer nicht nur die Regierungs-Parteien verärgert. Schärfer als von FP und VP fielen sogar die Reaktionen der eigenen Lehrer- und Schülerorganisationen aus: Es dürfe keine Unterstützung der "abwegigen Politik gegen Zuwanderer von Innenminister Ernst Strasser und der FPÖ" geben.

Schülervertreterin Kathi Kreissl von der SP-nahen Aktion Kritischer SchülerInnen meinte, damit würden Migranten zu Bürgern dritter Klasse gemacht.

Andere SPÖ-Vertreter gingen am Donnerstag auch nicht mehr auf die Verpflichtung zum Kindergartenbesuch ein, sondern verwiesen auf ein auch von Gusenbauer angesprochenes "Gesamtpaket" und kritisierten die Benachteiligung von Migranten-Kindern im Bildungssystem. Familiensprecherin Andrea Kuntzl forderte etwa eine bundesweite Informationskampagne über das vorhandene Angebot an Kindergärten und die positiven Aspekte für den Spracherwerb in der jeweiligen Muttersprache.

FPÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann sieht in Gusenbauers Idee nur ein "Ablenkungsmanöver": "Denn gerade die Wiener Sozialisten haben besonders dazu beigetragen, dass Zuwandererkinder Probleme mit der deutschen Sprache haben". So gebe es in vielen Wiener Kindergärten türkische und serbokroatische muttersprachliche Betreuerinnen, weswegen automatisch weniger Deutsch gesprochen werde. "Sonderbar" fand ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer, dass sich die SPÖ für eine verpflichtende Regelung in Kindergärten ausspreche, allerdings massiv gegen die von der Regierung vorgegebenen verpflichtenden Deutschkurse für Erwachsene protestiert habe: "Offenbar hat die SPÖ hier eine Kehrtwendung gemacht." Abgelehnt wird ein Zwang zum Kindergartenbesuch auch von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V): "Der Vorschlag ist zwar richtig, die Maßnahme aber die falsche. Eine Zwangsverpflichtung ist nicht das Ziel".

Für den Bildungssprecher der Grünen, Dieter Brosz, wird für die Frühförderung von benachteiligten Kindern - nicht nur jenen von Zuwanderern, sondern beispielsweise auch von legasthenisch veranlagten Kindern - beschämend wenig getan. Man müsse daher generell über eine Ausweitung der vorschulischen Bildungsaufgaben des Kindergartens nachdenken.

Im internationalen Vergleich sind laut UNICEF Zuwandererkinder in Österreich an den Schulen stärker benachteiligt. So liegt etwa der Prozentsatz von 15-jährigen Zuwandererkindern, die nur schlecht lesen können, in Österreich bei rund 40 Prozent. Ähnlich schlechte Ergebnisse erzielen nur Deutschland, die Schweiz, Belgien, Dänemark und Griechenland. "Musterländer" sind hingegen Kanada und Australien mit nur zwölf bzw. 14 Prozent schlechten Lesern aus Migrantenfamilien
- und dies trotz eines doppelt so hohen Anteils an Zuwandererkindern in den Schulen als in Österreich.

In Österreich sinkt mit jeder Schulstufe der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit nichtdeutscher Muttersprache kontinuierlich: Beträgt er in der ersten Klasse Volksschule noch rund 16,5 Prozent, sind es in der zwölften nur mehr 5,4 Prozent.
(apa)

22.1.2004 08:13