Theater in der Josefstadt: Der Untergang
- Weshalb Gratzer gehen musste. Was Lohner will.
Gratzer geht, Lohner kommt. Der neue „Josefstadt“-Chef hatte sich vom Fehlstart nie erholt. Das Szenario eines Rücktritts in Rekordzeit.
Am Dienstag war die noch junge Ära Hans Gratzer schon wieder uralt und vorbei. Ohne mit den Eigentümern seines Theaters, der privaten „Josefstadt Ges.m.b.H.“, gesprochen zu haben, hatte der seit September amtierende Gratzer einen Vertrag als Intendant der Sommerspiele von Bad Hersfeld (Hessen) unterschrieben: anzutreten im Sommer 2006, wobei Synergien mit der „Josefstadt“, welcher er in Doppelfunktion bis 2008 vorzustehen gedenke, erwünscht seien. Auch die Politiker wussten nichts.
Fußtritt. Am nämlichen Dienstag um 10 Uhr vormittags trat der Aufsichtsrat der „Josefstadt Ges.m.b.H.“ zur turnusmäßigen Sitzung zusammen. Keine acht Stunden später hatte Gratzer seine Demission unterschrieben. Sein letzter Tag im Amt ist der 31. August.
Das zusätzlich Sensationelle: Der nach blamablen Polit-Kabalen erst im Frühsommer 2003 aus dem Amt geschiedene Helmuth Lohner soll sofort als künstlerischer Berater tätig werden und damit de facto die Direktion bis 2006 wieder übernehmen.
Die Trennung von Gratzer erfolgte einvernehmlich: Er wird in der nächsten Saison Brechts „Dreigroschenoper“ und dann zwei weitere Stücke inszenieren. Abfertigung bekommt er keine. Der Aufsichtsrat hatte ihm deutlich gemacht, dass er Pflichten verletzt habe. Präsident Josef Fröhlich: „Gratzer hat uns als letzten Punkt unter ,Allfälliges‘ mitgeteilt, dass er in Bad Hersfeld unterschrieben hat. Außerdem konnten wir den Bericht der Geschäftsführung für die nächste Saison weder im Künstlerischen noch im Geschäftlichen zur Kenntnis nehmen. Es war alles viel zu vage.“
Sargnägel mit Köpfen. Als nächster Punkt im Procedere wurde um 15.30 Uhr die Gesellschafterversammlung der Josefstadt G.m.b.H. einberufen. Deren Mitglieder sind erprobte Gratzer-Skeptiker, die den Direktor nur unter Politikerdruck bestellt hatten und das Haus wesentlich besser kennen als er: die Exdirektoren Helmuth Lohner, Robert Jungbluth und Heinrich Kraus, der amtierende kaufmännische Direktor Alexander Götz, der das Haus wieder mit Lohner leiten soll, sowie die Witwe von Altdirektor Franz Stoß.
Dieses Gremium machte nun für Gratzer Sargnägel mit Köpfen: Eilends wurde das Ausstiegsszenario vereinbart. Ein Aufsichtsrat: „Gratzer war gefasst. Ich hatte den Eindruck, dass er damit gerechnet hatte. Ich vermute auch, dass die Sache mit Bad Hersfeld ein absichtliches Ausstiegsszenario war.“
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PLUS: Das Interview mit Helmuth Lohner, 30 Minuten nach Gratzers Adieu
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