Sonntag, 18. Jänner 2004

Mord an Anna Lindh: Gericht spricht Mijailovic schuldig

  • Vor Festlegung des Strafausmaßes psychiatrische Untersuchung
  • Staatsanwaltschaft hatte zuvor lebenslängliche Haft gefordert

Mijailo Mijailovic ist schuldig des Mordes an Anna Lindh! Im Mordfall der früheren schwedischen Außenministerin hat ein Stockholmer Gericht den Angeklagten für schuldig befunden, vor einer Urteilsfindung aber eine psychiatrische Untersuchung des jungen Mannes angeordnet. Es sei klar, dass Mijailovic, ein 25-jähriger Schwede serbischer Abstammung, das Attentat auf Lindh verübt habe, sagte der Vorsitzende Richter Göran Nilsson. In vier bis fünf Wochen, wenn die Untersuchungsergebnisse vorliegen, will das Gericht das Urteil sprechen. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft lebenslang gefordert.

Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Mordanklage auf Mijailovics Geständnis, Videoaufnahmen vom Tatort, Aussagen von Augenzeugen und DNA-Spuren. Die Verteidigung erklärte dagegen, Mijailovic könne möglicherweise nicht für seine Tat verantwortlich gemacht werden, weil er eine Kombination eventuell fälschlich verordneter Anti-Depressiva eingenommen habe

Die Richter kamen nach dem dreitägigen Prozess zu dem Schluss, dass Mijailovic die Ministerin bei einem Einkaufsbummel im Stockholmer Kaufhaus NK töten wollte. Um zu klären, ob der als psychisch gestört geltende 25-Jährige die Tat vorsätzlich beging, soll er nun psychiatrisch untersucht werden. Mijailovic hatte das Verbrechen gestanden, bestreitet aber, die Tat geplant zu haben. Dies ist auch die Strategie seines Verteidigers Peter Althin, der am Montag forderte seinen Mandanten auf freien Fuß zu setzen.

Mijailovic hatte ausgesagt, er sei "inneren Stimmen" gefolgt, als er Lindh niedergestochen habe. Vor der Tat habe er sich "wirklich schlecht" gefühlt und mehrere Nächte lang nicht geschlafen. Zum Tatzeitpunkt habe er zehn verschiedene Medikamente eingenommen, darunter Anti-Depressiva und Schlafmittel.

Mijailovic bleibt in Gewahrsam
Das Gericht ordnete an, dass Mijailovic wegen Fluchtgefahr in Gewahrsam bleiben müsse. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass er weitere Straftaten begehe. Staatsanwältin Agneta Blidberg hielt in ihrem Schlussplädoyer den Vorwurf des Mordes aufrecht. Lediglich das psychiatrische Gutachten könne ihre Meinung noch beeinflussen.

Am letzten Prozesstag sagte der Taxifahrer Norretin Kanat aus, der in letzter Minute in Erscheinung getreten war. Er hatte sich erst am Donnerstag gemeldet, nachdem er in den Medien die Berichterstattung über den Lindh-Prozess verfolgt hatte und sich an die Fahrt mit dem geständigen Angeklagten erinnerte. Dieser war nach der Tat aus dem Kaufhaus geflohen und hatte dann ein Taxi genommen, um nach Hause zu fahren. Kanat sagte vor Gericht aus, Mijailovic habe auf der 40-minütigen Fahrt vom Stadtzentrum in einen Vorort ruhig gewirkt. Er sei schweigsam und zurückgezogen gewesen, "aber ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, das er unter Stress stand", fügte der Taxifahrer hinzu.

Als sie am NK-Kaufhaus vorbeigefahren seien, sprach Kanat nach eigenen Angaben von dem Attentat auf Lindh, von dem er aus dem Radio erfahren hatte. "Ich glaube, er hat überhaupt nicht reagiert." Der junge Mann auf dem Beifahrersitz habe "ein bisschen müde, langsam und schüchtern" gewirkt. Kanats Versuche, eine Unterhaltung zu führen, seien praktisch erfolglos geblieben. Mijailovic sei aber nicht völlig abwesend gewesen, sondern habe ihm gut zugehört und in die Augen geschaut. Einmal hätten sie kurz über Frauen geredet. Da habe Mijailovic erklärt, er habe seit 1999 keine Verabredung gehabt.

Staatsanwältin Blidberg sagte nach dem Verhör des Taxifahrers, dessen Beschreibung passe nicht zu dem Porträt eines psychisch Kranken "außer Kontrolle". Daraufhin deute, dass Mijailovic im Taxi über Verabredungen mit Frauen geredet habe. "Er ist verschlossen, aber das scheint sein Charakter zu sein, nicht Verwirrung."

Lindhs Familie will 27.203 Euro Schadenersatz
Die Vertreterin der hinterbliebenen Familie Anna Lindhs, Kerstin Wennersten, beantragte wie angekündigt Schadenersatz in der Höhe von insgesamt 250.000 Kronen (27.203 Euro) von Mijailovic. 50.000 für Anna Lindhs Witwer Bo Holmberg und je 100.000 Kronen für die beiden 9 und 13 Jahre alten Kinder des Ehepaares, David und Filip. (APA/red)

18.1.2004 22:24