Mittwoch, 7. Jänner 2004

Parmalat: Ex-Finanzchef belastet In- & Auslandsbanken

  • Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Schmiergeldflüsse
  • EU prüft Staatshilfe für maroden Milch-Konzern

Der skandalumwitterte Ex-Finanzchef des insolventen italienischen Nahrungsmittelkonzerns Parmalat, Fausto Tonna, belastet italienische und ausländische Banken, die enge Verbindungen zum Milchmulti von Parma hatten. Im Laufe einer 12 Stunden langen Vernehmung in Parma berichtete der 65-jährige Tonna ausführlich über die Beziehungen des inhaftierten Firmengründers Calisto Tanzi mit Geldinstituten in Italien und im Ausland, so die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". In der Zwischenzeit beantragte der, mit der Parmalat-Sanierung beauftragte, Top Manager Enrico Bondi die Insolvenz für zwei Tochtergesellschaften des Milchkonzerns.

Die Staatsanwaltschaft will in den kommenden Tagen die Manager mehrerer Kreditinstitute, darunter Bank of Amerika und Citicorp, vernehmen, hieß es.

Die Ermittler wollen klären, ob die Banken die Anleger irre geführt haben könnten, indem sie sie zum Erwerb von Parmalat-Bonds aufforderten, obwohl sie über die katastrophale Finanzlage des Milchkonzerns genau informiert waren. Die Staatsanwaltschaft will auch mit Hilfe internationaler Rechtshilfeersuchen die Rolle ausländischer Banken im Parmalat-Skandal klären. "Tonna hat uns wichtige Informationen zur Fortsetzung der Ermittlungen gegeben, die jetzt kontrolliert werden müssen", berichtete ein Fahnder.

Schmiergelder an Politiker?
Für Eklat sorgten in Italien Informationen aus Ermittlerkreisen, nach denen Tonna bei seiner Vernehmung über angebliche Schmiergelder berichtet hatte, die der Milchmulti an Politiker bezahlt hatte. "Die Aussagen Tonnas werden überprüft", sagte ein Ermittler nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Diese Informationen wurden vorerst von der Mailänder Staatsanwältin, Antonella Ioffredi, nicht bestätigt.

Mögliche Staatshilfe für Parmalat
Die EU-Kommission will außerdem ein Dekret der italienischen Regierung prüfen, das zur Lösung der Finanzkrise bei Parmalat beitragen soll. Die EU will den Erlass prüfen um sicherzustellen, dass es sich nicht um eine wettbewerbsverzerrende staatliche Hilfe für Parmalat handelt. Das Kabinett des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hatte den Erlass am 23. Dezember beschlossen. Er sieht neue Bestimmungen für Firmen vor, die vom Bankrott bedroht sind.

Bondi beantragte Insolvenz für Eurolat und Lactis
Der mit der Parmalat-Sanierung beauftragte Top Manager, Enrico Bondi, hat die Insolvenz für zwei Tochtergesellschaften des Milchkonzerns, Eurolat und Lactis, gefordert. Der Antrag, den die beiden Gesellschaften von den Forderungen der Gläubiger in Schutz nimmt, wurde dem Konkursgericht von Parma eingereicht.

Auch für die schwer verschuldete Parmatour, die im Tourismusbereich spezialisierte Parmalat-Tochter, will Bondi den Insolvenz-Status beantragen. Der hohen Schuldenberg, der auf Parmatour lastet, hatte den Parmalat-Finanzskandal im November ins Rollen gebracht. (apa/red)

7.1.2004 09:05