Thomas Klestil: Das Ende einer Ära
- Außenpolitisch punktete der Präsident voll; innenpolitisch wurde er Opfer von Schüssel. Klestil-Erfinder Erhard Busek über eine auslaufende BP-Ära.

Das war kein gutes Jahr für Thomas Klestil. Einiges wurde missverstanden, vieles lief daneben, und noch mehr wurde verabsäumt: Das annus horribilis 2003 gleitet nahtlos in das Ende einer nur noch matt strahlenden Ära über.
Seit Wochen humpelt das Staatsoberhaupt mühsam auf zwei Krücken gestützt durch die langen Gänge der Hofburg. Latente Schmerzen machen die Pflichterfüllung zur Qual. Insider berichten, schon längst führe eine Bundespräsidentin mit resoluter Hand die Geschäfte der Staatskanzlei. Das Klima sei um einige Grade kühler geworden.
Angeschlagene Gesundheit. Jeder sieht es im Fernsehen an seinem Gesicht, seinen Augen und hört es an der Stimme: Klestil ist krank. Die schöngefärbten Gesundheitsbulletins aus der Präsidentschaftskanzlei sind amtliche Klitterungen im Widerspruch zu einer dokumentierten Krankengeschichte. Klestil leidet an interstitieller Lungenfibrose einer fortschreitenden Vernarbung des Lungengewebes, ausgelöst durch Entgleisung des Immunsystems. Statt zu schützen, greift dieses in aggressivster Weise den Körper die Lunge an. Diese Autoimmunkrankheit konnte vor sieben Jahren gestoppt werden; im heurigen Sommer ist sie erneut ausgebrochen. Klestils Ärzte haben eine weitere Schädigung des bereits angegriffenen Herzens gerade noch verhindern können. Der Riss beider Achillessehnen als Folge der Medikamenteneinnahme (Cortisonpräparate, Immunsuppresiva, Blutverdünnung) war aber kaum vermeidbar.
Selbstaufgabe. Klestil weiß über seine Krankheit Bescheid. Eine diagnostisch dringliche Lungenbiopsie hat er bis nach Ende seiner Amtszeit aufgeschoben. Einmal mehr steigert Klestil sein Pflichtbewusstsein bis zur Selbstaufgabe. Ein riskanter Entschluss, denn dieser hinausgeschobene Eingriff zur Differenzialdiagnose zögert auch die verbesserte Therapie hinaus.
Geiseln statt Gesundheit. Im Sommer flackerte die Krankheit neu auf. Statt sich zu kurieren, brach Klestil einen Spitalsaufenthalt ab, um ein Bankett für den algerischen Präsidenten Bouteflika zu geben. Schon von Fieber gezeichnet, taumelte Klestil durch diesen anstrengenden Staatsakt. Ein autoaggressiver Immunschub folgte und die Fibrose brach wieder voll aus.
Was nur wenige wussten: Der damals (wegen eines Erdbebens) innenpolitisch schwer angeschlagene Bouteflika brauchte dringend Anerkennung durch einen EU-Staat. Und Klestil dealte mit ihm daraufhin eine beschleunigte Freilassung der österreichischen Geiseln zum Preis eines Staatsempfanges aus. So kam es dann auch: Bouteflika initiierte die Freilassung der österreichischen Geiseln (die deutschen kamen erst Wochen später frei) und Klestil inszenierte für Bouteflika einen Staatsempfang.
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