Samstag, 27. Dezember 2003

Causa Parmalat: Behörden streben Haftbefehl gegen Tanzi an!

  • Justizkreise: Tanzi wird Betrug und Unterschlagung vorgeworfen
  • PLUS: Bilanzen wurden bereits seit 15 Jahren gefälscht!

Im Zuge der Ermittlungen gegen den Gründer des insolventen italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat, Calisto Tanzi, strebt die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl an. Aus den Justizkreisen verlautete, Tanzi werde Betrug und Unterschlagung vorgeworfen. Am Sonntag wurde Tanzi den Kreisen zufolge verhört, nachdem er am Samstag auf Anordnung der Staatsanwaltschaft in Mailand von der Finanzpolizei vorläufig festgenommen worden war.

Zwei Staatsanwälte sagten beim Verlassen des Gefängnisses, in dem Tanzi festgehalten wird, vor Journalisten, sie wollten beim zuständigen Gericht einen Haftbefehl gegen den Parmalat-Gründer beantragen. Wie es aus den Kreisen hieß, wird untersucht, ob Tanzi einige hundert Millionen Euro des Firmenvermögens unterschlagen hat.

Der medienscheue 65-jährige Unternehmer habe die Nacht im Gefängnis verbracht, hieß es aus den Justizkreisen am Sonntag. "Es ist eine schwierige Zeit für ihn, aber sie haben gute Vorkehrungen für ihn getroffen", sagte Tanzis Anwalt, Fabio Belloni, vor Journalisten vor Beginn der Befragung.

Tanzi, der in diesem Monat den Chefposten bei Parmalat geräumt hatte, wird nach Angaben aus Justizkreisen betrügerischer Bankrott und Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Allerdings ist noch nicht Anklage gegen ihn erhoben worden und die Behörden haben bis zu 48 Stunden nach seiner Festnahme Zeit, um zu entscheiden, ob sie die Haft ausweiten.

Bilanzloch: Zwischen 4 und 10 Mrd. Euro
Parmalat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass durch die Bank of America bei einer Parmalat-Tochter auf den Cayman Inseln (Bonlat Financing Corp.) offenbar eine Bilanzfälschung in Höhe von fast vier Milliarden Euro aufgedeckt worden sei. Nach Angaben aus Justizkreisen beläuft sich das Loch in der Buchführung mittlerweile auf sieben Milliarden Euro, Presseberichten zufolge sogar auf bis zu zehn Milliarden Euro.

Der mit der Sanierung Parmalats beauftragte neue Geschäftsführer Enrico Bondi arbeitet inzwischen daran, die finanzielle Lage des Konzerns zu überprüfen und die nötigen Summen für die Gehälter der rund 36.000 Angestellten aufzutreiben. Bondi erwägt zu diesem Zweck die Veräußerung von nicht-strategischen Töchtern der Gruppe. Er will auch die Milchlieferanten bezahlen, die teilweise schon seit Monaten auf ihr Geld warten.

Bondi muss bis Ende Jänner einen Sanierungsplan dem Arbeitsministerium in Rom vorlegen. Die Regierung muss dann entscheiden, ob die Voraussetzungen für die Rettung des Konzerns gegeben sind, oder ob der Konkurs erklärt werden muss.

Parmalat ist an der österreichischen NÖM mit einer Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie beteiligt. Insgesamt beschäftigte Parmalat zuletzt rund 36.000 Menschen in 30 Ländern. Der Jahresumsatz betrug zuletzt 7,5 Milliarden Euro.
(APA/red)

27.12.2003 14:38