Samstag, 20. Dezember 2003

Parmalat-Krimi: Firmengründer Tanzi ins Ausland geflüchtet

  • Milchriese hat am 25.12. Antrag auf Gläubigerschutz gestellt
  • Millionen flossen auf Privatkonto in Luxemburg

Calisto Tanzi, der Firmengründer des konkursbedrohten italienischen Nahrungsmittel-Konzerns Parmalat, ist angeblich mit seinem Sohn Stefano ins Ausland geflüchtet. Dies berichtete die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Mittwoch. Nach Angaben seines Anwaltes befinden sich der Unternehmer und sein Sohn in Spanien. Parmalat hat am Mittwoch Antrag auf Gläubigerschutz gestellt. Der Firmen-Anwalt des Milch-Riesen sagte, der Gläubigerschutz sei unter der neuen Verordnung der Regierung beantragt worden.

Tanzi, der in vierzig Jahren einen kleinen Milchproduzenten in einen internationalen Nahrungsmittelkonzern umgewandelt hat, ist mit einem 52-prozentigen Aktienpaket Mehrheitsaktionär von Parmalat. Der Milch-Multi hält eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie an der NÖM.

Millionenbeträge an Privatkonto geflossen
Medienberichten zufolge sind Millionenbeträge auf ein Privatkonto nach Luxemburg geflossen. Parmalat-Gründer Calisto Tanzi habe im Dezember vergangenen Jahres in Luxemburg die Firma Satalux gegründet, auf deren Konten die Gelder über eine weitere Firma auf den Kaiman-Inseln eingezahlt worden seien, berichtete die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" unter Berufung auf Justizmitarbeiter. Das Geld sei damit an der Börse vorbei geschleust worden und der Familie Tanzi direkt zugegangen.

Am Dienstag war Tanzis ehemalige rechte Hand, der Ex- Finanzchef von Parmalat, Fausto Tonna, mehrere Stunden lang von den Mailänder Ermittlern vernommen worden. Er hatte für das 7-Milliarden- Euro-Loch in den Kassen des Lebensmittelkonzerns Tanzi verantwortlich gemacht.

Milliardenschwere Bilanzfälschungen
Mehrere Mitarbeiter von Parmalat sagten den Ermittlern dem Bericht zufolge, die Geschäftsleitung habe die Affäre um die milliardenschweren Bilanzfälschungen im Konzern zu vertuschen versucht. Angestellte seien angewiesen worden, Akten und Computerdateien zu vernichten. Selbst Heimcomputer sollten zerstört werden.

Während immer skurrilere Details des Finanzkrimis um Parmalat bekannt werden - wichtige Dokumente wurden mittels Scanner gefälscht - geht der Kampf um den italienischen Milchriesen nun in die entscheidende Phase. Die Regierung Berlusconi will Parmalat mittels Dekret unter die Arme greifen und bittet die EU, dieses eine Mal ausnahmsweise ein Auge zuzudrücken. Eine klare Antwort aus Brüssel steht noch aus.

Es sollten damit vor allem Tausende Arbeitsplätze und landwirtschaftliche Zulieferbetriebe gesichert werden, hatte der zuständige Minister für Produktionstätigkeit Antonio Marzano das Dekret begründet. Der neue Vorstandschef von Parmalat, Enrico Bondi, solle als Sanierer im Amt bleiben, hieß es. Zugleich forderte die italienische Regierung die EU auf, Notmaßnahmen für die Milchwirtschaft des Landes zu bewilligen.

Der neue Konzernchef Enrico Bondi übergab am Dienstag der Staatsanwaltschaft von Parma eine umfassende Dokumentation zur dramatischen Finanzlage des Unternehmens, hieß es. Die Ermittler haben nach eigenen Angaben bereits einen groben Überblick über den Fall.

Der Finanzskandal war am vergangenen Freitag aufgedeckt worden, nachdem die Bank of America mitgeteilt hatte, dass ein angebliches Konto mit rund vier Milliarden Euro, das in der Bilanz der Parmalat-Tochter Bonlat auftauchte, nicht existiere. Die Ermittler gehen davon aus, dass weitere Milliardenbeträge, die in der Bilanz erscheinen, in Wahrheit nicht vorhanden sind. (APA/Red.)

20.12.2003 22:05