Samstag, 15. November 2003

Streik-Folgen: Schaden bis zu 200 Mio. € landesweit!

  • Wifo-Experte befürchtet Imageschäden für den Standort
  • Stahl-, Papier- und Holzindustrie am stärksten betroffen

Die Wirtschaft ist nach dem knapp dreitägigen Eisenbahnerstreik offenbar mit einem blauen Auge davon gekommen. Gravierender als die kurzfristigen Folgen schätzt Wifo-Konjunkturexperte Ewald Walterskirchen die möglichen langfristigen negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen durch die vermehrten Streiks in Österreich ein. Österreich laufe nämlich Gefahr, seinen Ruf als "promptes Lieferland und als Land mit konsensualer Streitbeilegung" zu verlieren, sagte er am Freitag.

Der Linzer Volkswirtschaftsprofessor Friedrich Schneider schätzte im Vorfeld die Kosten eines dreitägigen ÖBB-Streiks "konservativ" auf 180 bis 200 Millionen Euro. Eingerechnet sind dabei Produktionsausfälle, die geringere Produktivität und der verspätete Arbeitsbeginn vieler Arbeitnehmer.

Mit der Dauer des Streiks stiegen zuletzt auch die Probleme der Wirtschaft. Den größten Schaden würde aber die Bahn selbst erleiden, meinte nicht nur die Industriellenvereinigung (IV). Viele Unternehmen haben ihre Transporte von der Schiene auf die Straße verlagert, einige Bundesländer sogar eine Ausnahmegenehmigung vom Wochenendfahrverbot für Lkw angekündigt.

Situation bei voestalpine war kritisch
Vor allem bei der voestalpine wäre die Situation nächste Woche "kritisch" geworden. Seit Tagen standen beim Stahlkonzern vier voll beladene Züge am Werksgelände, die nicht abgefertigt wurden. Beholfen habe man sich mit einem Notbetrieb, der das Werk in Donawitz mit Kohle aus Linz und mit Erz vom Erzberg versorgte. Zudem ist die Lagerkapazität in Linz fast ausgeschöpft. Hätten die Streiks über die Mitte der nächsten Woche hinaus gedauert, wäre auch die Stilllegung von Hochöfen nötig gewesen. Der erste Güterzug der ÖBB nach dem Streik fuhr von Linz nach Donawitz.

Stark betroffen: Stahl, Papier, Holz, ...
Stark betroffen war auch die Papierindustrie, die rund 50 Prozent ihres Transportvolumens über die Bahn abwickelt. Sie sah heute bereits die "dringende Gefahr von Produktionsstillständen", weil Roh- und Hilfsstoffe für die Papierproduktion nicht nachgeliefert werden können, hieß es. Auch der Faserhersteller Lenzing hatte angekündigt, dass die Produktion am Montag gedrosselt werden müsse, sollte der Streik auch über das Wochenende fortgeführt werden.

Der heimische Zucker- und Stärkekonzern Agrana hatte als Reaktion auf den Streik den Transport der Zuckerrüben vollständig auf Lkw umgestellt. Die heimische Holzindustrie musste tatsächlich die Produktion zurückfahren bzw. in einzelnen Werken - wie etwa im Hauptwerk der Österreich-Tochter des finnisch-schwedischen Holz- und Papierkonzerns Stora Enso in Ybbs - sogar vorübergehend einstellen.

Spediteure profitierten vom Streik
Bei Spediteuren und Transportunternehmen sorgte der Streik dagegen für rund ein Fünftel - rund 50 Millionen Euro - mehr Umsatz: Zusatzgeschäft, das die Bahn buchstäblich auf der Straße liegen lasse, freuten sich die Frächter. (APA/red)

15.11.2003 13:09