Der Frack ist ab: Der tiefe Fall des Wiener Societylöwen
- Beton für „Mörtel“: Wie die Schulden den Baulöwen aufmischen.
- Rache der Society: Aus Seitenblicken werden Seitenhiebe.

Freitag der Vorwoche, am äußeren Wiener Neubaugürtel, Lugner City, Erdgeschoß: Der Baumeister lässt das Mörteln nicht, beim Bad in der Menge bleibt kein Auge trocken. Naddel Abd El Farrag ist gekommen, um ihr neues Klatschwerk „Ungelogen“ zu signieren, und die Männer des wilden Wiener Westens haben sichtlich Freude: An eine Bierdose geklammert, begibt sich ein City-Gast ins Zoologische: „A Woahnsinn, der Tuttelbär.“ Hausherr Richard Lugner, ein Mann aus echtem Ziegel und Zement, fährt Slalom durch das Publikum, überlässt die Moderation diesmal aber seiner „Mausi“.
Zwei Stunden später, Naddel ist längst weg, Richard, das Löwenherz, wieder am Mikro: Eine Travestieshow soll die Kunden im Hause halten, die Tonanlage meutert, Lugner klabautert: „Wo ist die Musik, wo ist die Musik?“ Als sie wieder spielt, wehrt der Geplagte das Interview-Ansinnen von NEWS ab: „Lassts mi in Ruh, i will net.“
Die Grundmauern bröckeln, das Dachgebälk ächzt, Beton für „Mörtel“, den Travestie-Star zwischen Mischmaschine und Zylinder: Richard Lugner, der Megalosaurier im heimischen Society-Park, erlebt die Eiszeit seines fortgeschrittenen Lebens:
Loge ist angezahlt. Elisabeth Gürtler, die das Tempo beim obersten Staatsgewalze angibt, bleibt taktvoll: „Seine Loge ist bereits im Juni angezahlt worden. So, wie ich ihn kenne, kommt zumindest er.“
Jedenfalls dräut dieser Tage selbst Wohlmeinenden unter den Gesellschaftern heimischer Prominenz: Lugners Mischmaschine läuft unrund, der Society-Turbo setzt aus, der Frack ist ab. Oder, wie es Michael Jeannée, Society-Pensionist der „Krone“ und Inhaber des Copyrights für „Mörtel“, wenig salonfähig ausdrückt: „Ein Wurschtel oder ein bunter Hund weniger, es werden schon wieder welche nachwachsen. Aber es tut mir leid für ihn, weil er im Grunde ein anständiger Kerl ist.“
Und der gab, während Altlugner’scher Zeitrechnung, einen verlässlichen Lieferanten gefälliger Storys ab. Jeannée, trauernd: „Man hat ihn angerufen und hatte eine Geschichte.“
Wie wahr: Lugner residierte, zumindest bis vor wenigen Wochen, als ungekrönter König einer Seitenblicke-Gesellschaft, von der er nun Seitenhiebe bekommt. Bester Gradmesser für die mediale Virilität des im Jahr 1932 als Advokatensohn Geborenen ist die Internet-Suchmaschine Google: Exakt 1.720 (!) Textdokumente werden bei der Eingabe „Richard Lugner“ ausgeschüttet. Zum Vergleich: Der zwei Dekaden ältere Gottseibeiuns der Klatschspalten, Film-Dino Franz Antel, kommt nur auf mickrige 829 „Nennungen“.
Der PR-Clown. Nun aber bricht Richard Lugners PR-Welt, so der Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer, „wie ein Kartenhaus zusammen und gibt jenen Recht, die immer gesagt haben: Das kann nicht gut gehen.“ Bachmayers Befund über den wohl einzigen Baumeister der Welt, der als Clown für sich selbst wirbt: „Was der Lugner zelebriert hat, war schon eine geradezu überbordende Selbstdarstellung. Sie hat vom unternehmerischen Zweck so sehr abgelenkt, dass seine Person nur mehr des Titels wegen als Baumeister bekannt war.“
Ähnlich assistiert auch Szene-Großmeister Heinz Werner Schimanko: „Seine schrille Art hat ihm sicher mehr geschadet als genutzt.“ Gnädiger Nachsatz: „Aber der Baubranche geht es überall schlecht, das ist keine Lugner’sche Spezialität.“
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