Mittwoch, 29. Oktober 2003

Das Präsidentenrennen: Duell um die Hofburg

  • Umfrage: Es wird knapp wie nie – SP & VP fast gleichauf

Jetzt ist es fix: Warum Außenministerin und Parlamentspräsident längst schon inoffiziell auf Wahlkampftour sind, wer sie unterstützt & was der Wahlkampf kostet. Und die große Umfrage: Ferrero hauchdünn vor Fischer.

Zumindest in Sachen Reisediplomatie sind die beiden „inoffiziellen“ Kandidaten für die Hofburg längst präsidentiabel: Dieser Tage weilt SP-Parlamentspräsident Heinz Fischer bei Luiz Inácio Lula da Silva, dem brasilianischen Regierungschef in São Paulo. Samstag hebt Außenministerin Benita Ferrero-Waldner ab – für sechs Tage geht es nach China. Peking, Shanghai und Hongkong stehen am Reiseplan.

Und beim „Incoming Staatstourismus“ halten beide ebenso fleißig mit – mit unterschiedlichen Helferlein: Wenn etwa die südafrikanische Polit-Legende Nelson Mandela in der Wiener Hofburgtafelt, sorgt Präsident Thomas Klestil dafür, dass Heinz Fischer beim Galadiner an seiner Seite sitzt. Und Kanzler Wolfgang Schüssel kümmert sich darum, dass die Fotografen Benita Ferrero-Waldner ebenfalls – bei einem eigenen Termin – ins rechte Licht rücken. „‚Staatsoperette‘ ist da noch höflich“, meinen in Wien stationierte Diplomaten, die längst nicht mehr wissen, wie sie in ihrer Heimat die österreichische Welt erklären sollen.

Das Duell ist praktisch fix. Auch wenn sich beide Seiten ganz offiziell noch bedeckt geben: Der entscheidende Zweikampf um das höchste Amt der Republik steht fest – und der Wahlkampf ist dieser Tage angelaufen. Dass die ÖVP mit Außenministerin Benita Ferrero-Waldner antritt, scheint nach dem Verzicht Erwin Prölls und der VP-internen Absage von Steiermarks Waltraud Klasnic definitiv festzustehen. Auch jene in der ÖVP, die immer noch auf EU-Kommissar Franz Fischler setzen, haben keine guten Karten.

Bauernbund-Präsident Franz Grillitsch: „Wollte der Franz, hätte er die Unterstützung des Bauernbundes und wohl auch der Wirtschaft. Doch das ist derzeit hypothetisch, denn er will nicht.“

Gusenbauer will Fischer. Und auch in der SPÖ hört man die Signale: „Ich treffe immer mehr Leute, die mich darauf anreden, dass Heinz Fischer ein hervorragender Bundespräsident wäre“, erklärt etwa SP-Chef Alfred Gusenbauer. Eine Anspielung darauf, dass er kurz vor dem „Fest für Heinz Fischer“ zu dessen 65. Geburtstag im Wiener Volkstheater – allgemein als informeller SP-Wahlkampfauftakt interpretiert – mit dem Wiener SP-Chef Michael Häupl bei einem Abendessen ein Flascherl Rotwein geöffnet hat, um den letzten roten Bedenkenträger gegen Fischer umzustimmen? Natürlich nicht. Eh klar. Aber dass Häupl nun Wiener Funktionäre, die statt Fischer Doch-nicht-Außenminister Wolfgang Petritsch forcieren wollten, bearbeitet, ist Stadtgespräch.

Längst haben rote Emissäre wie – Achtung: Rapid-Connection! – Rudolf Edlinger auch Fischers Frau Margit und den Parteivize selbst so ins Gebet genommen, dass er sich im Alter von 65 Jahren das Risiko eines Schritts in die erste Reihe antun will. Fischer, bekannt als vorsichtigster Politiker Österreichs, hat kein Rückfahrticket. Ab dem Zeitpunkt seiner Kandidatur würde er als Parlamentsvize schon deshalb zurücktreten, um auch Benita Ferrero-Waldner unter Druck zu setzen, auf ihre Auftrittsplattform als Außenministerin zu verzichten.

Dass er kalte Füße bekommen könnte, weil in den Umfragen bei einer Grünen-Kandidatur eine Stichwahl wahrscheinlich ist, und er selbst – noch – hauchdünn hinter Ferrero-Waldner liegt, dementieren SP-Insider heftig. Ein langjähriger Fischer-Kenner gegenüber NEWS: „Er ist jetzt wild entschlossen, erstmals im Leben etwas zu riskieren. Und will das mit jeder Faser, weil er Diplomatie Marke Ferrero-Waldner körperlich fast nicht aushält.“ Man merke Fischer an, dass er bereit sei, für einen Wahlkampf aus sich herauszugehen – und sich der Konfrontation mit der Außenministerin zu stellen. Eine „Mission“ für Fischer, der plötzlich bei ÖGB-Streiks in der ersten Reihe marschiert, die Voest-Nachtschicht besucht oder sich – völlig entgegen seinem privaten Wunsch – zum 65er von der SPÖ gleich im Wiener Volkstheater feiern lässt.

Das Einzige, was in Wahrheit noch offen ist, ist SP-intern der Termin der Präsentation – entweder noch im Dezember dieses Jahres (Parteivorstand wäre am 10. 12.) oder als wahrscheinlicherer Termin die SP-Präsidiumsklausur zum Jahresauftakt am 2. und 3. Jänner. Ein Termin, der wegen der dürren Nachrichtenlage zwischen Neujahr und Heiligen Drei Königen laut SP-Medienstrategen ideal wäre – man hätte alle Schlagzeilen für sich.

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29.10.2003 14:20