Montag, 27. Oktober 2003

Trichet: EZB muss glaubhafte Währung schaffen

  • Neuer EZB-Chef setzt auf Schaffung von Vertrauen
  • Wirtschaftliche Schwergewichte Europas hadern mit dem Stabilitätspakt

Der neue Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hat die Schaffung einer Vertrauen stärkenden und glaubhaften Währung als Aufgabe der EZB bezeichnet. "Unsere Aufgabe ist, eine glaubwürdige Währung zu schaffen, die das Vertrauen der Bürger der Euro-Zone und aller Wirtschaftsakteure stärkt", sagte Trichet am Montag in einer Rede zum 75-jährigen der griechischen Notenbank in Athen.

Trichet, der sein Amt am Samstag angetreten hatte, würdigte in seiner ersten Rede als EZB-Chef den guten Teamgeist, den sein Vorgänger Wim Duisenberg hinterlassen habe. Er werde dies fortführen.

Die Probleme, die auf Trichet warten, sind vielfältig: Die wirtschaftlichen Schwergewichte Europas Deutschland, Frankreich und Italien hadern mit dem Stabilitätspakt, den sie sich als Grundpfeiler der Währungsunion selbst auferlegt haben. Eine hartnäckige Wachstumsschwäche plagt die Euro-Zone, während schon zehn neue EU-Länder vor der Tür stehen. Und nicht wenige Politiker liebäugeln damit, die politische Unabhängigkeit der EZB anzutasten.

Das Wachstum im Euroraum wird 2004 das vierte Jahr in Folge unter zwei Prozent bleiben, und die Arbeitslosigkeit verharrt bei knapp neun Prozent. Das droht das Vertrauen der Öffentlichkeit und den politischen Konsens in der Währungsunion zu untergraben.

"Dieser Konsens, der in den 90er Jahren existierte, der verschwindet", sagte Trichets Vorgänger Wim Duisenberg erst am Freitag. "Die größte Herausforderung für die Europäische Zentralbank und meinen Nachfolger ist, dass dieser politische Wille wiederbelebt wird."

Bürger und Politiker müssten von der Notwendigkeit einer ordentlichen Finanz- und Wirtschaftspolitik überzeugt werden. Keine leichte Aufgabe.

Zurufe aus England
Von London aus betrachtet ist die Sache ganz einfach. Viele Investmentbanken raten der EZB, den bereits historisch niedrigen Leitzins von 2,00 Prozent weiter zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln und sich über die Folgen später Gedanken zu machen. "Die EZB muss einsehen, dass es bei schwachem Wachstum sehr schwierig ist, die Staatsausgaben zu senken", sagt Robert Lind, Chef-Volkswirt Europa von ABN Amro in London.

Aber auf dem Kontinent wird das ganze als ideologische Machtprobe darum betrachtet, welchem Wirtschaftsmodell Europa folgen will, wie Holger Fahrinkrug von UBS Warburg sagt.

Vorschuss-Lorbeeren
John Llewellyn, Chef-Volkswirt von Lehman Brothers in London, bescheinigt Trichet schon im Vorfeld, der Herausforderung gewachsen zu sein. Der Neue habe einen "ganz klaren Kopf". "Er steckt eine Menge Energie in seine Überzeugungskraft. Er wird die Lage zunächst analysieren und dann die Menschen von Lösungen überzeugen." (APA/Red.)

27.10.2003 16:01