Olympia & FIS: Marc Hodler wird heute 85
- Ein Revolutionär, der von der Realität eingeholt wurde

Vielleicht hätte die olympische Geschichte einen etwas anderen Verlauf genommen, wenn 1980 in Moskau Marc Hodler und nicht Juan Antonio Samaranch zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt worden wäre. Vielleicht aber auch nicht. Die Ironie der Geschichte ist, dass der vom damaligen Ostblock protegierte Spanier eher als ein Befürworter der Amateur-Verhältnisse galt, der Schweizer hingegen als ein Pionier der Kommerzialisierung des Sports. Jedenfalls gewann Samaranch ganz klar, und der in der Nacht vor der Wahl zur Kandidatur gedrängte Marc Hodler fand sich auf der Verliererbank wieder, allerdings weit vor dem abgeschlagenen Deutschen Willi Daume.
"Wenn ich ehrlich bin", sagt Hodler, der heute 85 Jahre alt wird, "hätte mir der Mut gefehlt, so schnell vorzugehen wie Samaranch, um die große Lüge im Sport zu beenden." 18 Jahre nach der Moskau-Wahl, am 11. Dezember 1998 in Lausanne, wurde dann das ganze Dilemma des Jahrhundert-Funktionärs Hodler deutlich. Der Mann, der im Amateursport dem Geld als Erster die Tür öffnete, machte die verhängnisvollen Folgen öffentlich. Im Weltsport hätten sich korrupte Strukturen breit gemacht, brach es aus dem Schweizer heraus, und: Salt Lake City habe die Winterspiele 2002 unrechtmäßig erworben. Der Skandal war öffentlich, er hat zehn IOC-Mitglieder das Amt gekostet.
"Mann mit schlechtem Ruf"
Der Aufstieg des Anwalts aus Bern in die Spitze des Weltsports begann 1951 mit der Wahl zum Präsidenten des Internationalen Skiverbandes (FIS). 1966 führte Marc Hodler den alpinen Weltcup ein, kooperierte mit der Industrie und schuf damit die Basis für den Ski-Profi. Der Zusammenstoß von neuem und altem Denken führte 1972 zum Eklat, als IOC-Präsident Avery Brundage den Tiroler Karl Schranz wegen unerlaubter Werbung von den Winterspielen in Sapporo ausschloss. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Marc Hodler dem IOC bereits neun Jahre an, galt dort aber, wie Hodler es selber sagt, als "Mann mit schlechtem Ruf".
Olympischer Finanzminister
Das änderte sich schlagartig mit der Machtübernahme durch Samaranch. Der Spanier sah in dem Eidgenossen einen Alliierten, und so beförderte er ihn auch: von 1985 bis 2002 gehörte Hodler dem IOC-Exekutivkomitee an, mit Unterbrechung von nur einem Jahr, er wurde in diverse Kommissionen berufen, war eine Art olympischer Finanzminister und Samaranchs Chef-Berater für den Wintersport. Somit hatte Hodler einen beträchtlichen Anteil daran, dass die Winterspiele in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus der Rolle des kleinen Bruders der Sommerspiele herauswachsen konnten.
Maulkorb vom IOC-Boss
Das ungetrübte Verhältnis zu Samaranch endete an jenem 11. Dezember 1998, als Hodler den Skandal um Salt Lake City öffentlich machte und vom IOC-Boss einen Maulkorb verpasst bekam. Der treue Diener blieb zwar ein prinzipieller Befürworter der Politik von Samaranch und nennt ihn weiterhin "meinen Freund". Doch kreidet er ihm an, über die Jahre seine Warnungen überhört zu haben, dass es bei der Vergabe der Spiele nicht mit rechten Dingen zugehe.
47 Jahre FIS-Präsident
Seit 2002, vier Jahre nach dem Rückzug von seiner 47-jährigen FIS-Präsidentschaft, ist Hodler im IOC ohne Amt. Samaranch-Nachfolger Jacques Rogge hat ihm nicht den Gefallen getan, ihm einen weiteren Topposten zu übertragen. Das sei gut für sein Golf-Handicap, Marc Hodler, doch der Abschied von der Macht fällt ihm offenbar nicht leicht. Ein Rückzug aus dem Olymp kommt für ihn nur in Frage, wenn auch der brasilianische Ex-Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA Joao Havelange (87) und der ehemalige tunesische Ministerpräsidente Mohamed Mzali (77) abtreten. Wie Hodler zählen sie zu den drei "Unsterblichen", sie sind auf Lebenszeit gewählt. Doch Havelange mag seine Rolle als IOC-Doyen nicht aufgeben, und so bleibt auch Hodler. (APA/red)
