Dienstag, 14. Oktober 2003

Anzug gestohlen: Hoher Ministerialbeamter als Kaufhaus-Dieb verurteilt

  • Spitzenbeamter soll nach Kaufhaus-Detektiv getreten haben

Ein ungewöhnlicher Fall wurde heute im Wiener Landesgericht verhandelt: Ein hoher Ministerialbeamter musste sich als Kaufhaus-Dieb vor Richter Peter Liebetreu verantworten. Der Spitzen-Jurist soll am 17. Februar 2003 in der Kärntner Straße versucht haben, einen teuren Anzug einer Nobel-Marke zu stehlen. Der Jurist wurde wegen räuberischen Diebstahls rechtskräftig zu einem Jahr bedingt verurteilt.

Ein 37-jähriger Ministerialbeamter nützte am 17. Februar seine Mittagspause, um im Kaufhaus Steffl in der Wiener Innenstadt einen noblen Anzug zu stehlen. Zu diesem Behufe hatte der im Außenamt tätige Jurist eine Beißzange und ein Messer dabei, womit er das Preisschild und die Sicherungscodes abzwackte. Eine Sicherheitsvorkehrung übersah er allerdings, so dass der Alarm losging, als er mit dem Anzug zurück ins Büro wollte.

"Wir sind so etwas eher von georgischen Diebsbanden gewöhnt", kommentierte Staatsanwalt Karl Schober kopfschüttelnd die Anklage. Der Spitzen-Beamte hatte mehrere Anzüge probiert, ehe er sich für ein Modell der Marke Hugo Boss, Größe 50 entschied. Veranschlagter Preis: 449 Euro.

"Er hat mir schon gefallen. Allerdings war er mir eine Nummer zu klein. Aber es ging gerade noch", verriet der Beamte. In der Umkleidekabine streifte er sich noch seinen alten Anzug sowie den Wintermantel über die Beute, um beim Verlassen des Geschäfts ja keinen Verdacht zu erregen.

"Wie viele Anzüge haben Sie eigentlich?" wollte ein Schöffe wissen. "Fünf. Für jeden Werktag einen. Und einen Trachtenanzug", erwiderte der Beschuldigte. Er besitze auch einen Boss-Anzug, wenn auch einen schon sehr alten, abgetragenen.

Auf das Alarmsignal hin nahm ein Kaufhaus-Detektiv die Verfolgung auf, worauf der Ministerialbeamte im Laufschritt zu flüchten trachtete. Der "Schnüffler" holte ihn ein, es kam zu einem Gerangel, der Beamte beförderte seinen Gegner zu Boden, der danach über Knieschmerzen klagte. "Ich hatte irrsinnig Angst und wollte vor den Konsequenzen weglaufen. Die Knie haben mir gezittert. Ich glaube nicht, dass ich ihn gehaut habe. Aber ich wollte mich entziehen", gab der Jurist zu Protokoll.

Es sei ihm damals nicht gut gegangen, seine Frau habe eine Fehlgeburt hinter sich gehabt: "Ich war einfach kopflos in diesen Tagen."

Ein Hobbydetektiv kam schließlich seinem professionellen Kollegen zu Hilfe und verpasste dem Juristen bis zum Eintreffen der Polizei Handschellen. Ob der peinliche Vorfall berufliche Konsequenzen mit sich bringen wird, muss in einem Disziplinarverfahren entschieden werden.

Der Schöffensenat (Vorsitz: Peter Liebetreu) sprach den Mann darüber hinaus auch wegen Urkundenfälschung schuldig: Der leibliche Vater von drei Kindern hatte im Bemühen, weitere Zöglinge zu adoptieren, falsche Meldezettel vorgelegt.

(apa/red)

14.10.2003 23:29