Mittwoch, 8. Oktober 2003

Wie Johannes Paul II. mit eisernem Willen kämpft

Seit dem Zusammenbruch beim Besuch der Slowakei ist es so gut wie offiziell: Im Vatikan bereitet man sich auf den Tod von Papst Johannes Paul II. vor. „Wir sollten für ihn beten“, hat der deutsche Kardinal Josef Ratzinger die Gläubigen aufgerufen.

Auch Kardinal Christoph Schönborn macht sich Sorgen, doch überwiegt bei ihm die Bewunderung für das „prophetische Zeichen“, mit dem der Heilige Vater den Leidenden Mut macht: „In einer fitnesssüchtigen Zeit zeigt er, dass Krankheit und Gebrechlichkeit zum Leben gehören“. Mit dem französischen Kardinal Jean-Marie Lustiger hat der Papst „lächelnd über den Tod gesprochen“. Für ihn zähle „nur das Leben der Kirche“.

Gerüchte um Rücktritt.
Die dramatischen Bilder von Bratislava, als dem völlig entkräfteten Papst die Stimme versagte, während er wie leblos über dem Pult zusammensank, haben eine Diskussion ins Rollen gebracht, die trotz aller Beschwichtigungen und Dementis nicht mehr verstummen will: Steht der Tod des Heiligen Vaters unmittelbar bevor? Ist Johannes Paul II. noch in der Lage, die Amtsgeschäfte wahrzunehmen? Plant er seinen Rücktritt – vielleicht anlässlich einer letzten Reise in seine polnische Heimat?
Die unmittelbare Umgebung des Papstes reagiert mit Unverständnis auf solche Wortmeldungen. „Viele Journalisten, die in der Vergangenheit über den Gesundheitszustand des Papstes schrieben, sind schon im Himmel“, ärgert sich Erzbischof Stanislaw Dziwisz, der dem Heiligen Vater seit Jahrzehnten als Privatsekretär dient. Kardinal Jorge Medina betont, dass der Papst „geistig hellwach“ und „jedenfalls in der Lage“ sei, die Regierungsgeschäfte zu führen. Nichts deute darauf hin, dass er „über die Möglichkeit eines Rücktritts auch nur nachdenkt“. Für den belgischen Kardinal Gustaaf Joos, einen Wegbegleiter und einstigen Studienkollegen des jungen Karol Woytila, ist der Papst zwar „am Ende seiner Körperkraft“, aber „nicht mit Geist und Tapferkeit“.
Nur Erzbischof Oscar Madariaga tanzte aus der Reihe: „Der Papst ist sich seiner Verantwortung bewusst“, erklärte er. „Wenn ihm klar wird, dass er nicht mehr kann, wird er sicher den Mut haben zu sagen: Ich höre auf.“ Grund für neue Spekulationen: Sieht nicht alle Welt, dass der Papst nicht mehr kann?

Machtkämpfe im Vatikan.
Der deutsche Papstbuch-Autor Andreas Englisch, der zu den intimsten Kennern des Vatikans zählt, sieht die katholische Kirche „fast führerlos“ und den Vatikan in interne Machtkämpfe verstrickt, die unter normalen Umständen personelle Konsequenzen hätten. Der 83-jährige Papst aber wolle die wichtigen Ämter nicht neu besetzen und sehe tatenlos zu, wie die von ihm vorangetriebene Aussöhnung mit orthodoxen und lutherischen Christen von Kardinälen hintertrieben und die katholische Kirche isoliert werde.

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8.10.2003 17:24