Mittwoch, 10. September 2003

Warten auf den Tod

  • Wie in Österreichs Heimen alte Menschen festgebunden, eingesperrt und ruhig gespritzt werden.

Ein Pfleger enthüllt: „Patienten wochenlang nicht gewaschen, im Jahr nur fünf Stunden im Freien, allein im Sterben!“

Herr L., 83, ein Oberstudienrat, war seit einem Jahr nicht mehr im Freien, „weil das nötige Pflegepersonal für Ausfahrten“ fehlt. Frau S., 79, Kellnerin, „ist in ihrem Zimmer eingesperrt und mit einem Leintuch an ihren Rollstuhl festgebunden“.

Herr B., 92, Kleinunternehmer, „muss Windeln tragen, obwohl er noch in der Lage ist, die Toilette aufzusuchen“. Petra G., 87, Mutter von fünf Kindern, wurde „drei Wochen lang nicht gebadet“. Hans N., Jahrgang 1910, nahmen die Schwestern die Schuhe weg, „damit er nicht weggehen kann“. Und die unter Demenz leidende Franziska R., 80, liegt nackt im geschlossenen Netzbett, „weil sie immer wieder aufstehen möchte“.

Schikanen ohne Ende. Eines haben diese Patienten gemeinsam: Für alle sechs Pensionisten beginnt die Nachtruhe, wenn für ihre Kinder und Enkerln die Mittagspause endet – um 14 Uhr. Zu dieser Zeit befehlen ihnen die Schwestern Tag für Tag, „schlafen zu gehen“.
Österreichs größter Wartesaal des Todes – das Pflegeheim in Lainz – sorgte vergangene Woche dafür, dass sich der Focus des öffentlichen Interesses auf jene richtete, die am liebsten vergessen werden: die Alten. Der „Verein für Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft“ hatte aufgedeckt, dass Lainz-Patienten drei Monate lang nicht gebadet, zum Tragen von Windelhosen gezwungen und bei „Ungehorsam“ beschimpft worden sind. „Ein Einzelfall“, wie die Wiener Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann meint. Eine vollkommene Verkennung der Tatsachen. Denn, wie aus einem Bericht der Sachwalterschaft hervorgeht: Lainz ist überall.

Pfleger packen aus. Akten und Augenzeugenberichte von Pflegern, Krankenschwestern, Angehörigen und Ärzten, die NEWS im Detail vorliegen, dokumentieren, wie alte Menschen in Österreichs über 700 Alten- und Pflegeheimen festgebunden, eingesperrt, in Achtbettzimmern abgelegt oder ruhig gespritzt werden.

Die Hauptgründe: Personalmangel, überforderte Pfleger und eine rücksichtslose Sparpolitik im Gesundheitsbereich.
Peter Schlaffer, Geschäftsführer der Sachwalterschaft, die Tausende Heimbewohner in ganz Österreich rechtlich unterstützt: „Bereits vor drei Jahren haben
wir skandalöse Missstände aufgedeckt, geändert hat sich aber seither nicht viel. Das Netzbett für renitente oder orientierungslose Pfleglinge etwa kommt noch immer in einigen Heimen zum Einsatz.“ Nachsatz: „Es gibt nach wie vor keine einheitliche Rechtsgrundlage für das, was in Heimen erlaubt und verboten ist …“

Chronik der Skandale. Dazu kommt: Die meisten Skandale werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit intern geregelt.

  • So berichtete etwa eine Mitarbeiterin der Sachwalterschaft in Niederösterreich: „Bei meinem Besuch im Heim war meine Klientin, welche an sich mit Unterstützung mobil ist, im Netzbett eingeschlossen. Nackt. Und das Fenster stand weit offen. Die Schwester sagte nur, ich solle mich nicht aufregen, meine Klientin sei eben aggressiv und außerdem sowieso deppert.“

  • Wie umfangreich die Palette an Zwangsmaßnahmen ist, dokumentierte auch M. S., Sachwalterin
    in Oberösterreich: „Zimmertüren wurden von außen verkeilt, eine Holzlatte unter der Türschnalle verhindert das Öffnen von innen. Die Bewohner werden mit Leintüchern an Sesseln festgebunden, auch Gurte sind dazu im
    Einsatz.“

  • In steirischen Heimen mussten Pfleglinge „Schlafanzüge anziehen, die sie alleine nicht ausziehen können – speziell jene wurden dazu gezwungen, die sich gegen Windeln wehren.“ Dazu kommt: „In manchen Heimen ist es verboten, mit dem Lift zu fahren – unter Androhung von Geldbußen.“

  • Zwischen 10 und 75 Prozent der Heimbewohner bekommen Neuroleptika und Depotspritzen. Was stets als Therapie gerechtfertigt wird, stellt sich laut Bericht in sehr vielen Fällen als Zwangsmaßnahme dar. Der Stationsarzt eines Wiener Pflegeheims: „Durch den Einsatz sedierender Medikamente ist eine dauernde Bereitschaft des Pflegepersonals nicht mehr erforderlich.“

  • Dass Pfleglinge ungefragt geduzt werden, mutet in dieser Liste der Schande schon fast als Kavaliersdelikt an. Schlimmer wiegt es freilich, wenn – wie es in manchen Heimen Usus ist – „das Taschengeld einbehalten und nur bei erwünschtem Verhalten ausgezahlt wird“.

    Dass die Heiminsassen hierzulande im wahrsten Sinne lebendig begraben sind, belegt eine brandneue Studie des Instituts für Zivilrecht der Uni Innsbruck: Auf fast 60 Seiten wird die dramatische „Situation in sechs verschiedenen Tiroler Alten- und Pflegeheimen“ beschrieben.

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    PLUS: Ein Pfleger packt aus: „Patienten ruhig gestellt!“

    10.9.2003 15:57