FORMAT: Wunder-Pille als perfekter Überlebens-Cocktail?
- 11 Jahre länger leben, 88% weniger Herzinfarkte, 80% weniger Schlaganfälle
- Wien: Samstag beginnt Herz-Kongress
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Eine Wunder-Pille als perfekter Überlebens-Cocktail: Das neue Medikament verspricht 88 Prozent weniger Herzinfarkte, 80 Prozent weniger Schlaganfälle und elf Jahre längeres Leben. Jeder ab 55 soll die Polypille nehmen, sagt ihr Erfinder.
In Sachen Gesundheit konnte sich Hansjörg Tengg bisher voll und ganz auf seine guten Gene verlassen. Zwar begibt sich der Unternehmer vernünftigerweise seit seinem vierzigsten Lebensjahr regelmäßig zur Präventivuntersuchung in eine Ordination seines Vertrauens. Ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko habe man dort allerdings nicht an ihm feststellen können, so Tengg. Blutdruck beruhigend, Cholesterinwert im grünen Bereich.
Gleichwohl sei er in letzter Zeit vorsichtiger geworden, erzählt der 56-jährige Manager. Er habe vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört, spiele jetzt Golf, um wenigstens zweimal die Woche ein bisschen Bewegung im Freien zu machen, achte vermehrt auf fettarmes Essen und versuche sich überdies ganz bewusst seines Lebens zu freuen, damit nicht irgendein psychosomatisches Leiden seinem Immunsystem rücklings ein Bein stellt.
Der Wunschzettel für die Befindlichkeit. Er gilt nämlich nicht eben als einer, der sich chronisch zu wenig zumutet: erst die Konsum-Pleite Mitte der neunziger Jahre, bei der Tengg als Feuerwehrmann einsprang, später das nervenzerfetzende Match um die Marktführerschaft am Mobilfunksektor als max.mobil-Boss, schließlich vor wenigen Wochen das fruchtlose Ende zäher Bemühungen um ein Behördenfunknetz, das unter Tenggs Ägide hätte errichtet werden sollen.
Wenn es da eine Pille gäbe, die punkto Nebenwirkungen sicher ist und einen dabei unterstützt, sodass man den Kopf von Gesundheitsbedenken frei machen und besser arbeiten könnte, schreibt Tengg einen Brief an das Christkind, dann würde ich sicherlich zugreifen. Obwohl ich von Medikamenten im Grunde nichts halte.
Die gute Nachricht an alle, die so wie Tengg zu viel schuften und sich dabei um ihr Wohlergehen sorgen: Es gibt diese Pille wahrscheinlich schon bald. In einer Studie, die Ende Juni im renommierten British Medical Journal veröffentlicht wurde, befassen sich die Professoren Nicholas Wald und Malcolm Law vom Londoner Wolfson Institute of Preventive Medicine mit der Idee einer Kombinationspille, die gegen sämtliche Ursachen für die berüchtigte Geißel der Stressgeplagten, die Herz-Kreislauf-Erkrankung, auf einmal vorgeht. Tags darauf adelte die New York Times die Erfindung der Forscher mit einem Bericht und brachte damit die Debatte unter Experten so richtig in Schwung.
Dabei geht es um Folgendes: Die Polypille, wie die Autoren der Studie ihr geistiges Kind tauften, besteht aus sechs Wirkstoffen, die jeder für sich in der Behandlungspraxis seit Jahren erfolgreich Verwendung finden. Dies in der Regel jedoch voneinander getrennt, je nach Beschwerden und Krankheitsbild: Während die einen zur Senkung des Blutdrucks verschrieben werden, wirken die anderen gegen erhöhte Lipidwerte, eliminieren den Risikofaktor Homocystein im Blut oder erschweren die Gerinnselbildung an den Gefäßwänden.
Das Konzept einer allumfassenden Präventivpille. Dagegen steckt hinter der Kombination all dieser Substanzen in einem einzigen, alles umfassenden Medikament die Idee, dass sämtliche Risiken, die zu Herz-Kreislauf-Problemen führen, schon vor dem Auftreten der ersten Symptome minimiert werden könnten, wie Nicholas Wald im FORMAT-Gespräch ausführt. Dem Wissenschaftler zufolge müsste man hierzu nur rechtzeitig mit dem Konsum seiner Pille beginnen: Sagen wir: etwa mit 55, peilt Wald über den Daumen und spielt damit auf die Tatsache an, dass 96 Prozent aller schweren Durchblutungsstörungen nach dieser magischen Altersbarriere auftreten.
Wenn man dies täte und diese Erkenntnis macht hellhörig , würde das Risiko, je einen Herzinfarkt zu erleiden, den Forschern zufolge um sage und schreibe 88 Prozent reduziert werden. Bei Schlaganfällen, einer weiteren möglichen Folge ernster Herz-Kreislauf-Erkrankungen, rechne man mit einem Rückgang von achtzig Prozent. Da freilich nicht jeder Mensch die Infarktgefahr in sich trägt, würde nur jeder dritte Konsument der Polypille in den vollen Genuss dieser sensationellen Heilkraft gelangen. Dafür dürfte dieser dann, so das verblüffende Ergebnis der Studie, mit einem Lebenszeitplus von durchschnittlich elf Jahren rechnen, in denen er sich um Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht zu sorgen bräuchte.
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