Mittwoch, 6. August 2003

Voest-Chef Struzl bleibt: Aufsichtsrat hält ihm die Treue

  • Aufsichtsrats-Chef Streicher: 'Kein Schönheitspreis' für den Deal
  • Kapitalmarkt-Schenz: "Mangelndes Unrechtsbewußtsein" in Ö

Die Vorwürfe sind haltlos, Struzl bleibt! Das ist die einstimmige Entscheidung des Voest-Aufsichtsrates, der am Freitag dreieinhalb Stunden lang beriet. Thema: Struzls heftig kritisierter Aktien-Handel, der dem Voest-Chef den Vorwurf des Insidergeschäftes einbrachte. Vor der Sitzung erklärte Struzl bestimmt, er denke nicht an einen Rücktritt. Die ganze Affäre sei nichts weiter als "eine gezielte Kampagne" gegen ihn.

Die außerordentliche Aufsichtsratssitzung der voestalpine AG dauerte deutlich länger als erwartet. Sie hatte programmgemäß am Freitag um 9.30 Uhr begonnen. Die von Aufsichtsratspräsident Rudolf Streicher für 10.15 Uhr angekündigte Abschluss-Pressekonferenz wurde dann aber auf 13:00 Uhr verlegt - fast drei Stunden später!

Vorwürfe haltlos, Struzl bleibt bis Sommer 2006
Der Aufsichtsrat stellte sich "nach langen und detaillierten Erörterungen" geschlossen hinter den Chef - die voestalpine AG hält alle Vorwürfe für haltlos. Der Generaldirektor der börsennotierten voestalpine bleibt selbst am Ruder. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2006.

Schluss-Strich
Der Schlussstrich unter die belastende Angelegenheit - Struzl soll drei Mal Aktienkäufe unter optisch unschönen Umständen, die Rede war gar von Insiderhandel, getätigt haben - ist sicherlich auch für Voest-Aktie sehr gut. Wenn Sicherheit einkehrt, könnte das Papier unter Umständen wieder nach oben ziehen.

Aufsichtsratschef Streicher: Kein "Schönheitspreis"
Streicher betonte bei der Pressekonferenz einleitend, dass Aufsichtsratssitzungen vertraulich seien und er daher zu keinen Details Stellung nehmen könne, aber "der Aufsichtsrat kam nach eingehender, vor allem auch rechtlicher Diskussion zu dem Schluss, dass die wesentlichen Merkmale des Insidertradings'" im Fall Struzl "nicht eingetreten sind". Obwohl der Aktienkauf des voestalpine-Chefs "keinen Schönheitspreis" verdiene.

Für das Vertrauen, das der Aufsichtsrat Struzl aussprach, seien mehrere Faktoren ausschlaggebend gewesen, erläuterte Streicher. Es habe "keine persönliche Bereicherung" gegeben, es sei zu keiner Anklage und damit zu keiner Verurteilung gekommen. Im übrigen habe sich Struzl im Laufe seiner Tätigkeit "große Verdienste um die voestalpine" erworben.

"Mangelndes Unrechtsbewußtsein"
Der Kapitalmarktbeauftragte der Bundesregierung und frühere Generaldirektor der OMV AG, Richard Schenz, kritisierte mangelndes Unrechtsbewusstsein in Österreich zum Insiderhandel. Vertreter der Staatsanwaltschaft in Wien hätten klar gesagt, dass der Kauf der VAE-Aktien durch Struzl Insiderhandel gewesen sei. "Dann kann dieser Tatbestand durch die Zahlung von 50.000 Euro nicht aus der Welt geschafft werden", so Schenz.

Aktionärsschützer enttäuscht
Aktionärsschützer Wilhelm Rasinger ist enttäuscht über die Entscheidung des voestalpine-Aufsichtsrats, dass dieser dem Generaldirektor Franz Struzl "nur das Vertrauen ausspricht, ohne Maßnahmen zu setzen, die so etwas zukünftig verhindern."

Rasinger spielt damit auf die unvollkommene Umsetzung des Corporate Governance-Kodex, der das Wohlverhalten von börsenotierten Gesellschaften regeln soll, an. Regel 69 des Kodex schreibt die Veröffentlichung der Aktiengeschäfte von Vorstand und Aufsichtsrat auf der Homepage des Unternehmens vor. Bisher haben erst drei heimische börsenotierte Unternehmen diese nicht verpflichtende Regel umgesetzt.

Die Umsetzung dieser Regelung wäre "das Mindeste" gewesen, so sei das eine "enttäuschende Vorstellung", stellt Rasinger fest.
(apa, red)

6.8.2003 15:39