1.7.2003 13:46

Zufall oder Absicht? Sieben Stimmen fehlen nach Olympia-Vergabe

  • Nach Olympia-Pleite: IOC-Mitglied verhöhnt Salzburg!
  • Nur 16 Stimmen für Salzburg / Vancouver Gastgeber 2010 PLUS: Reaktionen & Bilder

Jetzt gibt's nach der knappen Vergabe der Olympischen Spiele 2010 - 56:53 für Vancouver gegen PyeongChang - auch noch Ungereimtheiten bei der Auszählung der Stimmen: 7 fehlen nämlich! Und nach Salzburgs peinlicher Olympia-Schlappe in Prag - nur 16 Stimmen in der ersten Runde der IOC-Wahl für die Vergabe der Spiele 2010 (Vancouver bekam 40 und PyeongChang 51) - folgt jetzt auch noch Spott & Hohn: "Salzburg sei ein guter Showblock zwischen den richtigen Bewerbern gewesen", ätzte ein IOC-Mitglied. Ob es Salzburg für Olympia 2014 nochmals probiert, wird erst in einigen Wochen entschieden (Alle Reaktionen von Hermann Maier, Bundeskanzler Schüssel & Co. rechts)!

Wie kommt es, dass insgesamt sieben Stimmen bei der Wahl der Olympia-Stadt für die Winterspiele 2010 praktisch verschwunden sind? Das versuchten am Donnerstag in Prag besonders die Koreaner aus Pyeongchang zu erforschen. Von 111 für den ersten Wahlgang zugelassenen elektronischen Boxen wurden nur 107 bedient. Im zweiten Durchgang, als über drei von 112 Boxen Wahlsignale ausblieben, gingen ebenfalls möglicherweise entscheidende Stimmen verloren. Sie hätten, bei einem Endstand von 56:53 für Vancouver, den Ausgleich für Pyeongchang bringen können.

Dennoch registrierte das IOC keine Stimmenthaltung, was bedeutet, das vier bzw. drei IOC-Mitglieder offenbar nicht mitgestimmt und auch den Knopf für die Stimmenthaltung nicht gedrückt haben. Manipulationen oder ein technisches Versagen schloss der Deutsche Thomas Bach, Vorsitzender der Juristischen Kommission des IOC, aus.

Vielleichten sollten die angegrauten IOC-Mitglieder nächstes mal wieder Kreuzerl machen. So gibt es zur Prager Wahl nur eine Gewissheit: Zwei der insgesamt sieben fehlenden Stimmen gehen auf das Konto der britischen Prinzessin Anne. Ihre Königliche Hoheit stimmt im IOC nie mit ab.

Pleite für Salzburg
Um 16:41 Uhr erklärte IOC-Präsident Jacques Rogge das Aus für Salzburg. Im ersten Wahlgang wurden von den IOC-Mitgliedern 107 Stimmen abgegeben, 51 für PyeongChang, 40 für Vancouver und nur 16 für Salzburg. Unmittelbar danach entschieden die IOC-Mitglieder in einer Stichwahl zwischen den beiden restlichen Kandidaten: Vancouver setzte sich mit 56 Stimmen knapp gegen PyeongChang, das 53 erhielt, durch und ist Gastgeber der XXI. Winterspiele. 109 Stimmen waren abgegeben worden.

Spott & Hohn
"Es ist traurig, wenn man sieht, dass man so etwas wie ein Spielstein gewesen ist", ärgerten sich die Salzburger. In dieses Bild passt die kolportierte Aussage des israelischen IOC-Mitglieds Alex Gilady: Salzburg sei ein guter Showblock zwischen den richtigen Bewerbern gewesen.

Eine positive Entscheidung hätte gewaltige Impulse für Sport und Wirtschaft der Alpenrepublik ausgelöst. Doch auch durch die Bewerbung allein wurde ein beachtlicher Effekt erzielt, der den Einsatz eines Budgets von etwas mehr als sieben Millionen Euro mehr als rechtfertigt. "Mit diesen Mitteln wurde durch die Kandidatur weltweit so viel Werbung gemacht, dass es unbezahlbar ist", sagte ÖOC-Präsident Leo Wallner.

Salzburg ist mit seinem Motto "Sound of Winter Sports" keinesfalls "durchgefallen". Die Qualität des Bewerbungspapiers ist im IOC anerkannt - bei der Vorauswahl hatten die Salzburger sogar die Bestnote erhalten - doch bei der Entscheidung spielten eben auch Aspekte wie Rotation der Spiele (Winter 2010 und Sommer 2012 nicht auf dem gleichen Kontinent; nicht mit Turin 2006 und Salzburg 2010 zwei Winterspiele in den Alpen hintereinander) sowie nicht-sportliche Kriterien eine Rolle. Vor allem die geopolitische Rolle (europäische Bewerbungen von Leipzig, London, Moskau, Istanbul, Madrid für 2012) wurde von den Verantwortlichen als möglicherweise entscheidender Grund für das frühe Ausscheiden genannt.

Wenige Stunden vor der Entscheidung hatte die professionell vorbereitete Präsentation vor dem IOC-Plenum noch Hoffnungen auf eine Vergabe an Salzburg geweckt. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Bürgermeister Heinz Schaden und Generaldirektor Egon Winkler hatten die Vorzüge der Bewerbung hervorgestrichen, Festspiel-Präsentin Helga Rabl-Stadler hatte ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal ("Salzburg ist das Herz im Herzen Europas") ins Spiel gebracht, Ski-Star Hermann Maier und die Operndiva Grace Bumbry mit einem Live-Auftritt ("Climb the mountain") hatten an das "Herz" der IOC-Mitglieder appelliert. Leider vergeblich.

Die Enttäuschung war auch in der österreichischen Botschaft in Prag, wo rund 250 Mitglieder der Salzburg-Delegation mitgefiebert hatten, und unter den Tausenden Anhängern auf dem Salzburger Residenzplatz groß. Im Prager Hilton Hotel war den Vertretern von Salzburg 2010 die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. "Ich bin wirklich sehr getroffen. Die Bewerbung war gut, das Team hat exzellent gearbeitet. Wir müssen jetzt genau analysieren und mit Freunden reden, was den Ausschlag gegeben hat", meinte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

Mit der Entscheidung über ein neuerliches Antreten für 2014 werden sich die Salzburger etwas Zeit lassen. "Es ist frühestens in zwei Jahren zu entscheiden", erklärte Schaden. ÖOC-Präsident Wallner möchte für 2014 jedenfalls wieder einen österreichischen Kandidaten unterstützen.

(apa/red)

1.7.2003 13:46
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
Olympia 2010 - Alle Bilder & Videos
zurück zur Startseite