Sonntag, 15. Juni 2003

Der schwere Gang zu den Lufthansa-Aktionären

  • Durch Warnstreik Unternehmen Millioneneinbußen beschert?

Für den ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske wird die Lufthansa-Hauptversammlung ein schwerer Gang. Etliche Anteilseigner wollen ihm die Entlastung als stellvertretender Aufsichtsratschef verweigern. Denn mit dem Warnstreik im Öffentlichen Dienst, der im Dezember auch den Betrieb auf großen Flughäfen lahm legte, habe Bsirske der Lufthansa Millioneneinbußen beschert.

Im Interessenkonflikt als Aufsichtsrat und Gewerkschaftsboss habe er gegen das Wohl des Unternehmens verstoßen. Bsirske weist die Vorwürfe zurück, mit denen Aktionärsschützer längst grundsätzlich Front gegen Gewerkschafter in Kontrollgremien der Konzerne machen. "Wollte man das, was andernorts entschieden wird, zum Gegenstand eines Interessenkonflikts erheben, dann dürfte kein Vorstand eines Stromversorgers im Aufsichtsrat eines Unternehmens sein, das Strom bezieht."

Weg frei für Arbeitnehmervertreter
Die Aktionärsschützer der DSW sehen in Bsirskes Rolle längst ein grundsätzliches Problem. "Die Organisation von Streiks gehört nun einmal zu den Pflichten der Gewerkschaften", sagt Hauptgeschäftsführer Hocker. Generell sollten Funktionäre von ver.di, IG Metall oder IG BCE daher ihre Sessel in den Kontrollgremien räumen und für Arbeitnehmervertreter aus den Unternehmen frei machen - denn diese hätten immer das Wohl des Betriebs im Blick.

Eine Frage des Anstands
Ganz so weit will das Deutsche Aktieninstitut nicht gehen. Zunächst gehe es um eine Frage des Anstands. "Die Ethik, die man von der Unternehmensseite einfordert, muss man auch von der Arbeitnehmerseite verlangen", meint Direktor Franz-Josef Leven. Die Frage, ob das Verhalten in Ordnung sei oder nicht, müsse je nach Einzelfall und nicht generell entschieden werden. Im Zweifel müsse der Betreffende aber eines seiner Mandate niederlegen. Eine Zwischenlösung könne eine stärkere Vermischung nach Branchen sein. Statt bei der Lufthansa könne Bsirske in den Aufsichtsrat von Volkswagen - und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel stattdessen in das Kontrollgremium der Lufthansa.

15.6.2003 10:50