Sonntag, 15. Juni 2003

Deutsche Banken sind jetzt Übernahmekandidaten

  • Experte: "Gelegenheit zum Aufkauf für Ausländer ist gut"

Deutsche Banken sind nach Einschätzung von Branchenexperte Wolfgang Gerke reif für Übernahmen aus dem Ausland. Ein Grund sei der geringe Börsenwert, so Gerke. "Die deutsche Kreditwirtschaft ist zu stark heruntergeprügelt worden. Wenn man sich Substanz und Ertragspotenzial ansieht, sind die Banken unterbewertet." Zudem hätten die Kreditinstitute mittlerweile einen Teil des notwendigen Umbaus umgesetzt und ihre Bilanzen bereinigt. "Die Gelegenheit zum Aufkauf für Ausländer ist gut."

Derzeit kursieren mehrere Übernahmegerüchte in der Branche. So hieß es, die Bank of America sei an der Allianz-Tochter Dresdner Bank interessiert, die Citigroup an der Commerzbank und die Royal Bank of Scotland an der HypoVereinsbank. Gerke betonte, dass ein Aufkauf einer deutschen Bank für ausländische Kreditinstitute die beste Möglichkeit sei, schnell Marktanteile in Deutschland zu gewinnen. Generell beobachteten vor allem amerikanische Banken den deutschen Markt. Allerdings halte sich das Interesse nach wie vor noch in Grenzen, obwohl das nötige Kapital im Ausland vorhanden wäre.

Angst vor den "Leichen im Keller"
Eine Hemmschwelle für ausländische Banken sei die Angst, "Leichen im Keller" zu finden, sagte Gerke. Wegen fauler Kredite und dem Wertverlust von Beteiligungen haben derzeit alle Institute mit Problemen zu kämpfen. Nach massiven Abschreibungen und hoher Risikovorsorge in den vergangenen Monaten seien die Institute allerdings inzwischen durchaus attraktiv. "Die Frage ist aber, ob ausländische Banken damit glücklich werden", sagte er mit Verweis auf das spezielle deutsche Drei-Säulen-System, das genossenschaftlichen Banken und Sparkassen große Marktanteile im Privatkundengeschäft einräumt. Deutsche Banken zeigten dagegen zur Zeit geringes Interesse an gegenseitigen Übernahmen, sagte Gerke. (apa/red)

15.6.2003 10:28