Donnerstag, 5. Juni 2003

Guerillakrieg im Klassenzimmer

  • Feindbild Lehrer: Privilegien, Urlaub, fette Zuschüsse
  • Vier AHS-Streiks in drei Monaten gegen Ministerin Gehrer

Bildung brutal: Vier Streiks in drei Monaten machten Österreichs AHS-Lehrer zu den führenden Arbeitsverweigerern des Landes - und zum Feindbild von Bildungsministerin Gehrer, die nun sogar mit der Kürzung der Ferien droht (siehe auch Kasten rechts).

Pikante Aufstriche, resche Semmerln, knackiges Bauernbrot, feinsäuberlich arrangiert in geflochtenen Körbchen – den Biologiesaal des Gymnasiums in der Wiener Schopenhauerstraße dominiert das Stilleben einer ländlichen Jause, im Vorraum zum Konferenzzimmer blubbert friedvoll die randvolle Kaffeemaschine. Es ist Streik. Einzig die bunten Flugblätter, die in den verwaisten Korridoren die Runde machen, konterkarieren schroff das schülerfreie Idyll. "Pensionsraub und Bildungsabbau sind die beiden Ungeheuer, die uns bedrohen", schreibt da einer der Aufständischen.

Meisterstreiker
Sind die Eleven aus dem Haus, feiern die Lehrer Kirtag. Doch nicht nur der altehrwürdige Bildungstempel in Wien-Währing mutierte am vergangenen Dienstag kurzfristig zur pädagogischen Partyzone. Seit der ÖGB im Zuge der Pensionsreform den Reiz des Streiks wiederentdeckt hat, gehört der Aufstand zwischen Klassen- und Konferenzzimmern landauf, landab zum Alltag. Allerdings mit feinen Intensitätsnuancen: Fanden die rund 100.000 Pflichtschul- und BHS-Lehrer mit bislang zwei Streiktagen das Auslangen, so haben sich Österreichs 20.000 AHS-Pädagogen mit vier Tagen Unterrichtsboykott in knapp drei Monaten zu den führenden Arbeitsverweigerern entwickelt.

Bevölkerung ohne Verständnis
Dass breite Teile der Bevölkerung der Resistenz ihrer Bildungsvermittler - gutteils mit komfortablen Beamtenprivilegien, ansehnlichen Zulagen und Rekordurlaub ausgestattet - kaum noch Verständnis entgegenbringen, ist dabei allerdings nur noch ein Randaspekt.

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5.6.2003 20:39