Mittwoch, 28. Mai 2003

Lehren Computerspiele das Töten?

  • Schießtraining" für Soldaten und Polizisten auf dem Spielemarkt
  • Wissenschaft ist um eine Antwort bemüht

Wenn Jugendliche Massaker begehen löst das weltweites Entsetzen und Diskussionen aus. Vor allem wenn die Täter sich zuvor intensiv mit brutalen Video- und Computerspielen beschäftigt haben.

Das war so nach dem Amoklauf im vergangenen Jahr in Erfurt wie auch vorangegangenen ähnlichen Fällen in den USA: Littleton (Colorado), Paducah (Kentucky) und Jonesboro (Arkansas). Doch an der medialen Szene des virtuellen Tötens änderte sich damit nichts. Auch der Deutsche Lehrerverband beklagte kürzlich, dass Schüler nach wie vor solcher in ihrer Wirkung unterschätzten Gewalt ausgesetzt seien.

Langzeitstudien fehlen
Wissenschaftliche Befunde dürften ebenfalls dazu beigetragen haben, dass sich nichts änderte, wie ein Beitrag der Zeitschrift "Gehirn & Geist" über Untersuchungen zur Auswirkung von Video- und Computerspielen auf Heranwachsende deutlich macht. Die Auswirkungen würden "kontrovers diskutiert", heißt es da. Es gebe "reichlich Argumente gegen eine pauschale Verdammung" solcher Spiele. Dauerhafte emotionale Auswirkungen seien nach wie vor nicht belegt. "Es fehlt hier schlicht an entsprechenden Langzeitstudien."

Ego-Shooter lernen das Töten
Immerhin gibt es eine ganze Reihe sehr beunruhigender Befunde. Darunter die von Dave Grossman, der Psychologie an der US-Militärakademie in West Point unterrichtete und nach dem Amoklauf eines Schülers in seinem Heimatort Jonesboro eine eigene "Research Group" bildete. Seine These: Insbesondere die so genannten Ego-Shooter bringen Kindern das aktive Töten bei. Er verweist darauf, dass beim amerikanischen Militär Spiele wie "Doom" bei der Vorbereitung auf den realen Kampf ganz gezielt eingesetzt würden. Es gehe dabei darum, das Schießen auf Menschen zu "konditionieren", also einen Reflex auszulösen - und so den "biologisch machtvollen Widerstand, einen Artgenossen umzubringen", zu brechen.

Soldaten üben mit Computerspielen
Wie hoch diese Hemmschwelle ist, zeigte sich nach einer amerikanischen Studie im Zweiten Weltkrieg: Nur 15 Prozent der Soldaten schossen demnach tatsächlich gezielt auf ihre Feinde. Die Mehrheit habe lieber absichtlich daneben gezielt. Schon im Vietnam-Krieg war dann laut Grossman durch Training zu reflexartigem Schießen die Rate der gezielten Schüsse auf 90 Prozent gestiegen. Heute üben Soldaten und Polizisten mit Computersimulationen, die dann in kaum abgewandelter Form auf den Spielemarkt kommen - und Kinder zum Töten konditionierten, wie Grossmann überzeugt ist.

Als Beispiel nennt er den 14-jährigen Michael Carneal, der 1997 in Paducah binnen zwanzig Sekunden acht Mal auf acht verschiedene Kinder schoss. Jeder Schuss war ein Treffer in den Oberkörper oder Kopf. Er hatte noch nie zuvor eine echte Waffe in der Hand gehabt.

Werte vermitteln
In einem Beitrag des Wissenschaftsmagazins "Rubin" (Bochum) stellen die Motivationspsychologen Rita Steckel und Clemens Trudewind von der Ruhr-Universität Bochum die Bedeutung der Rolle der Eltern heraus. Sie wiesen in einer Studie mit 280 Schulkindern im Alter zwischen acht und 14 Jahren nach, dass eine sichere Eltern-Kind Bindung sowohl die unmittelbaren Auswirkungen als auch langfristige Folgen von Gewalt in Computerspielen mildert. "Dass Eltern wissen, mit welchen Spielen ihre Kinder umgehen, dass sie mit den Kindern über die Spiele reden und Werte bezüglich Gewalt vermitteln, die sie gegebenenfalls auch mit Verboten durchsetzen sollten - vielleicht ist das die wichtigste praktische Konsequenz, die sich aus unserer Untersuchung ergibt", schreiben sie. (apa/red)

28.5.2003 09:37