Dienstag, 22. April 2003

Eine Million Schiiten bei Kerbala-Pilgerfahrt

  • Antiamerikanische Parolen bei Wallfahrt
  • Spezialkräfte aus dem Iran angeblich im Südirak

Nach jahrzehntelanger Unterdrückung sind am Mittwoch schätzungsweise eine Million Schiiten zum Schrein des Imam Hussein in der heiligen Stadt Kerbala gepilgert. Am Rande der religiösen Feierlichkeiten ist es neuerlich zu antiamerikanischen Aufrufen gekommen. Demonstranten skandierten Parolen wie "Tod Amerika!" und "Tod Israel!", wie die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA aus Kerbala berichtete.

Sie forderten für den Nachkriegs-Irak eine islamische Regierung, den Aufbau eines islamischen Staates und den sofortigen Abzug der amerikanischen Streitkräfte. Nach IRNA-Angaben versammelten sich bis zum Mittag "mehrere Millionen" Schiiten an der Grabmoschee des als Märtyrer verehrten Enkels des Propheten Mohammed.

Geheimdienst: Iranische Schiiten dringen im Irak ein
Ein führender Geistlicher, Abdulaziz Hakim, stellvertretender Vorsitzender des im Iran ansässigen Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), rief die Schiiten im Süden des Landes dazu auf, ihr Schicksal nicht von Ausländern bestimmen zu lassen. Schiitische Spezialkräfte aus dem Iran dringen nach Informationen der "New York Times" zur Unterstützung ihrer Glaubensgemeinschaft im Südirak ein. Während der großen schiitischen Pilgerfahrt nach Kerbala seien Mitglieder der El-Badr-Brigaden sowie der iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran) in den Irak gekommen, berichtete die US-Zeitung am Mittwoch unter Berufung auf US-Geheimdienstberichte. Bei einer Machtübernahme der schiitischen Bevölkerungsmehrheit nach iranischem Vorbild befürchteten die USA eine Radikalisierung in Bagdad, sagte der Regierungsbeamte. Ein SCIRI-Sprecher kündigte an, seine Gruppe werde keinen Vertreter zu dem für Samstag geplanten Treffen unter US-Aufsicht nach Bagdad schicken. Der Irak müsse selbst über seine Regierung entscheiden. Die größte schiitisch-irakische Oppositionsgruppe hatte bereits ihre Teilnahme an dem ersten von den USA geleiteten Irak-Treffen in Nassiriyah vergangene Woche abgesagt.

Waffenstillstand USA-Mujaheddin
Die US-geführten Streitkräfte im Irak haben am Dienstag mit den auf der Liste der terroristischen Organisationen stehenden iranischen "Volks-Mujaheddin" einen Waffenstillstand geschlossen. Die laufenden Gespräche dienten auch dem Ziel, den künftigen Status der "Volks-Mujaheddin" festzulegen, sagte US-General Vincent Brooks. In Teheran forderte der Oberkommandierende der islamischen Revolutionsgarden (Pasdaran), Yahya Rahim Safavi, die USA auf, den Führer der Volks-Mujaheddin ("Nationaler Widerstandsrat Iran"), Massud Rajavi, unverzüglich an den Iran auszuliefern, "um zu beweisen, dass ihr Kampf gegen den internationalen Terrorismus glaubwürdig ist."

Die schiitischen Pilger in Kerbala schlugen sich auf die Brust, ritzten mit Schwertern Wunden in ihre Kopfhaut und geißelten sich mit Ketten, bis sie bluteten. Rund 60 Prozent der irakischen Bevölkerung sind Schiiten. Sie wurden unter den bisherigen, von Sunniten dominierten Regierungen unterdrückt. Die Feierlichkeiten zum Tod von Imam Hussein hatten 1977 zum letzten Mal in dieser Form stattgefunden. Damals waren zahlreiche Pilger auf ihrem Weg nach Kerbala von Sicherheitskräften getötet worden.

22.4.2003 10:08