Ex-Olympiasieger Carl Lewis unter Doping-Verdacht
- US-Sport droht in eigenem "Doping-Sumpf" zu versinken
- Welt-Antidoping-Agentur verlangt Aufklärung

Der erfolgreichste Olympia-Athlet, Carl Lewis, steht im Mittelpunkt einer Doping-Affäre, die zum größten Skandel der Sportgeschichte werden könnte. Nach Unterlagen des früheren Chef-Kontrolleurs des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), Dr. Wade Exum, ist der neunfache Leichtathletik-Olympiasieger einer von mehr als hundert positiv getesteten US-Athleten, die unbestraft geblieben sind und zwischen 1988 und 2000 insgesamt 19 olympische Medaillen gewonnen haben. Inzwischen hat sich die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) in den Fall eingeschaltet.
Exum, der von 1991 bis 2000 als USOC-Direktor für die Doping-Kontrollen in den USA zuständig war, gibt sich als Kronzeuge der Anklage und hat dem renommierten Fachmagazin "Sports Illustrated" Dokumente von 30.000 Seiten übergeben. Die Zeitschrift will sie in Auszügen in ihrer am Montag erscheinenden Ausgabe veröffentlichen. Die Unterlagen des Mediziners sollten Teil eines Gerichtsverfahrens sein, dass dieser gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen Rassendiskriminierung und unberechtigter Kündigung angestrengt hatte. Ein Bundesgericht hatte in der vergangenen Woche eine Anklageerhebung abgelehnt.
"Unabsichtliche" Einnahme von Doping
Nach den Angaben von Exum ist Lewis bei den Olympia-Trials 1988 der Einnahme von drei verbotenen Stimulanzien, die in Erkältungsmittel enthalten sind, überführt worden. Zunächst habe USOC den Sprinter disqualifiziert, nach der Intervention von Lewis jedoch die Sperre wegen "unabsichtlicher" Einnahme der verbotenen Mittel aufgehoben.
Lewis gewann bei den Spielen in Seoul die Goldmedaille im Weitsprung und wurde als Zweiter über 100 m zum Olympiasieger erklärt, nachdem der Kanadier Ben Johnson im bisher größten Doping-Skandal der Olympia-Geschichte den ersten Platz wegen der Einnahme von anabolen Steroiden disqualifiziert worden war. Lewis war 1997 zurückgetreten. Er sammelte seine Goldmedaillen außer in Seoul noch 1984 in Los Angeles (4), 1992 in Barcelona (2) und 1996 in Atlanta (1/zum vierten Mal in Serie Weitsprung-Olympiasieger) und wurde acht Mal Weltmeister.
Auch Mary-Joe Fernandez belastet
Die Dokumente belegen ebenfalls, dass der Trainingspartner von Lewis, Joe DeLoach, bei den Trials ebenfalls der Einnahme der selben drei Stimulanzien überführt und anschließend freigesprochen worden war. DeLoach gewann in Seoul olympisches Gold über 200 m. Als weitere Fälle sind bereits vor der Veröffentlichung von "Sports Illustrated" Andre Phillips und Mary-Joe Fernandez bekannt geworden. Demnach sind Phillips ebenfalls bei den Olympia-Ausscheidungen 1988 und Fernandez vor den Spielen 1992 auf Pseudoephedrin positiv getestet worden. Der Leichtathlet siegte in Seoul über 400 m Hürden, die Tennisspielerin in der Doppelkonkurrenz von Barcelona.
Unzureichendes Kontrollsystem
Nach Einschätzung von WADA-Chef Richard Pound belegen die Dokumente, dass es im US-Sport über viele Jahre ein unzureichendes Doping-Kontrollsystem gab und sich der Verdacht von Vertuschungen zu erhärten scheint. Der Kanadier erwartet, dass auch WADA die Dokumente für eine Untersuchung bekommt. "Je mehr wir wissen, umso besser. Je mehr die Welt und die amerikanische Öffentlichkeit weiß, was USOC gemacht hat, um so wahrscheinlicher ist es, die Probleme zu lösen", sagte der Kanadier der US-Nachrichtenagentur AP. Vorwürfe richtete Pound ebenfalls an den US-Leichtathletik-Verband (USATF), der wegen Vertuschungsversuchen immer wieder in der Kritik stand.
Lewis beteuert seine Unschuld
In einer ersten Stellungnahme bezeichnete USOC die Vorwürfe als grundlos. Der olympische Dachverband hatte im Oktober 2000 die Verantwortlichkeit für die Doping-Kontrollen an eine neugegründete, unabhängige, nationale Antidoping-Agentur übertragen. Lewis-Manager Joe Douglas erklärte, der Athlet habe niemals Mittel zur Leistungssteigerung eingenommen. Fernandez sagte, der positive Test stehe im Zusammenhang mit der Einnahme eines Erkältungsmittels. Der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Arne Ljungqvist (Schweden), meinte, die Dokumente passten in das Bild bisheriger Doping-Affären in den USA. Der Weltverband erwarte dringend einen Bericht von USATF.
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