Montag, 14. April 2003

Entzifferung des menschlichen Erbguts als "Meilenstein"

  • Abfolge von drei Milliarden DNA-Bausteinen vorgestellt

Die Entzifferung des menschlichen Erbguts haben Forscher und Politiker als "Meilenstein" in der Geschichte der Menschheit gefeiert. Die nun endgültige Version der Abfolge aller drei Milliarden DNA-Bausteine stellten Genetiker aus sechs Ländern in Washington vor. Das Erbgut wurde in 13-jähriger Arbeit zu rund 99 Prozent entziffert, weiter ist es beim derzeitigen Stand der Technik nicht möglich.

"Das Human-Genom-Projekt war eine unglaubliche Abenteuerreise in unser Inneres", sagte der Leiter der Human-Genom-Organisation (HUGO), Francis Collins, bei der Feierstunde. Die 1990 begonnene und jetzt abgeschlossene Entzifferung des menschlichen Erbguts wird weithin als ehrgeizigstes Forschungsprojekt aller Zeiten betrachtet.

An dem als Human-Genom-Projekt bekannten Mammutunterfangen hatten hunderte Forscher in 20 Sequenzierlabors in den USA, Großbritannien, Deutschland, China, Japan und Frankreich mitgearbeitet. Alle Erkenntnisse sind in Datenbanken veröffentlicht und stehen über das Internet frei zur Verfügung.

Der amerikanische Nobelpreisträger James Watson, der vor 50 Jahren mit seinem britischen Kollegen Francis Crick die Struktur des DNA entdeckt hatte, bezeichnete die Vorlage des menschlichen Erbguts als einen "wahrhaft bedeutsamen Moment für jeden Menschen rund um den Globus". Er habe sich 1953 nicht träumen lassen, dass er die Aufzeichnung des menschlichen Erbguts noch miterleben werde. Watson wurde 1988 erster Direktor des Genomprojektes, das zwei Jahre später mit der Sequenzierung anfing.

Die gewaltige Datensammlung soll helfen, die Erbanlagen für Krankheiten wie Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen oder Diabetes zu identifizieren und bekämpfen. Nach Informationen des Koordinators des Deutschen Humangenomprojekts in Braunschweig, Helmut Blöcker, sind derzeit bereits knapp 1.500 der 30.000 menschlichen Gene als "Krankheitsgene" bekannt. Der Direktor des Whitehead Zentrums für Genomforschung am Massachusetts Institut für Technologie (MIT) bei Boston, Eric Lander, sprach von dem "Beginn einer neuen Ära in der biomedizinischen Forschung". Die Kenntnis aller Komponenten einer Zelle ermöglich es, "biologische Probleme direkt an ihrer Wurzel zu lösen".

Zu den Zielen der HUGO-Forscher gehört, das individuelle Erbgut von Menschen für Kosten unter 1.000 Dollar (930 Euro) zu sequenzieren. Damit könnte jeder Interessent einmal eine Analyse seiner erblichen Anlagen erhalten und Vorsorge für bestimmte Krankheiten betreiben, für die er genetisch prädestiniert ist, sowie seinen Lebensstil und die Ernährung entsprechen anpassen. Außerdem sollen die Daten die Entwicklung maßgeschneiderter Medikamente für den einzelnen Patienten ermöglichen.

Aus dem Vergleich des menschlichen Erbguts mit dem anderer Organismen möchten Genetiker weitere Erkenntnisse über den Ursprung bestimmter Krankheiten und neue Therapie-Möglichkeiten gewinnen. So sind etwa Schimpansen, deren Erbgut dem des Menschen zu 98,8 Prozent gleicht, gegen Krankheiten wie Aids und Malaria gewappnet. Von der Entdeckung jener Erbanlagen, die Affen vor diesen Infektionen schützen, erhoffen sich Forscher Fingerzeige auf entsprechende Prävention beim Menschen.

Außer dem Erbgut des Menschen ist inzwischen das Genom der Maus, der Ratte, zwei verschiedener Taufliegen (Drosophila melanogaster und D. pseudoobscura), zweier Würmer (Caenorhabditis elegans und C. briggsae) sowie der Hefe (Saccharomyces cerevisiae) und weiterer Pilzarten erforscht. Darüber hinaus ist auch das Erbgut der Malaria übertragenden Mücke (Plasmodium falciparum), verschiedener Mikroben und Pflanzen bekannt. In Arbeit ist derzeit das Genom der Honigbiene, des Schimpansen, des Rinds, des Hundes und des Huhns.

In Deutschland hatten sich seit 1995 drei Einrichtungen an der Entzifferung des menschlichen Erbguts beteiligt: Das Institut für Molekulare Biotechnologie (Jena), das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik (Berlin) und die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (Braunschweig).

14.4.2003 16:59